Große Versprechen, kleiner Rückzug

Europas digitale Unabhängigkeit kommt voran. Zumindest bei den Ankündigungen. Noch im November 2025 präsentierten Deutschland und Frankreich eine strategische Partnerschaft mit dem deutschen Softwarekonzern SAP und dem französischen KI-Unternehmen Mistral. Gemeinsam wollte man die europäischen Verwaltungen modernisieren, digitale Assistenten entwickeln und die Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen reduzieren. Ein deutsch-französisches Vorzeigeprojekt mit politischem Rückenwind. Nun hat sich die Bundesregierung aus der geplanten Zusammenarbeit zurückgezogen. Die Unternehmen dürfen ihre Kooperation fortsetzen. Nur der ursprünglich vorgesehene staatliche Rahmenvertrag ist vorerst vom Tisch.

Das Bundesdigitalministerium bestätigte gegenüber Politico, dass derzeit keine Beschaffung von Mistral-Produkten durch den Bund vorgesehen sei. Weshalb die Bundesregierung ihre Pläne geändert hat, bleibt ungeklärt. Weder das Ministerium noch Mistral nannten konkrete Gründe. SAP versichert unterdessen, dass die Zusammenarbeit mit dem französischen Partner unverändert weiterlaufe. Die europäische KI-Zukunft findet also weiterhin statt. Nur zunächst ohne den staatlichen Auftraggeber, der sie besonders entschlossen voranbringen wollte.

Ganz ohne Schwierigkeiten präsentiert sich Europas technologischer Hoffnungsträger ohnehin nicht. Christian Kroll, Geschäftsführer der Suchmaschine Ecosia, kritisierte die Leistungsfähigkeit und technische Zuverlässigkeit von Mistral. Seine Einschätzung fällt wenig schmeichelhaft aus: Die Modelle lägen gegenüber der Konkurrenz deutlich zurück, hinzu kämen überlastete Server. Ecosia entschied sich deshalb für andere offene KI-Modelle, darunter auch Entwicklungen chinesischer Anbieter. Das Unternehmen begründet seinen Wechsel unter anderem mit geringeren Kosten und besseren Ergebnissen.

Mistral hält dagegen. Am 6. Oktober 2026 stellte das Unternehmen sein neues Modell Large 4 vor und beansprucht damit erhebliche Fortschritte bei der Leistungsfähigkeit. Unabhängig überprüfte Belege für sämtliche Leistungsversprechen liegen allerdings noch nicht vor. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit europäischer Unabhängigkeit: Mistral hat seine strategische Zusammenarbeit mit Microsoft im Juli 2026 sogar ausgebaut. Dass eine europäische KI-Firma amerikanische Technologiepartnerschaften unterhält, ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Als Beweis vollständiger technologischer Eigenständigkeit eignet sich das allerdings nur eingeschränkt.

Ob technische Zweifel, wirtschaftliche Überlegungen oder veränderte politische Prioritäten hinter Berlins Rückzug stehen, ist nicht bekannt. Gerade deshalb wäre eine Erklärung angebracht. Wer digitale Souveränität zur strategischen Zukunftsfrage erklärt, sollte wenigstens erläutern können, weshalb ein gerade erst angekündigtes Vorzeigeprojekt ohne staatliche Beteiligung weiterläuft. Europa will schließlich unabhängiger werden. Von nachvollziehbaren politischen Entscheidungen hoffentlich nicht.


Quellen:
▪︎ WELT / Politico – Bund zieht sich aus KI-Partnerschaft mit Mistral und SAP zurück
▪︎ Bundesregierung – Europas digitale Souveränität stärken
▪︎ EU-Startups – Ecosia-Gründer erläutert den Abschied von Mistral
▪︎ Mistral AI – Vorstellung von Mistral Large 4
▪︎ Microsoft – Ausbau der strategischen Partnerschaft mit Mistral