Apps könnten bald das Schicksal vieler technischer Errungenschaften teilen: Sie verschwinden nicht, man muss sich nur nicht mehr persönlich mit ihnen beschäftigen. Statt Banking, Kalender, Reiseportal und Buchhaltung einzeln zu öffnen, soll künftig ein KI-Agent verstehen, was erledigt werden muss, und sich selbst durch die benötigten Dienste arbeiten. Der Mensch formuliert das Ziel. Die Software darf den Rest unter sich ausmachen. Das klingt fast verdächtig bequem.
Dass hinter der Idee mehr steckt als eine hübsche Zukunftsfolie, zeigt inzwischen die Softwarebranche selbst. Gartner schätzt, dass bis 2030 bis zu 234 Milliarden Dollar der weltweiten Ausgaben für Unternehmensanwendungen durch sogenannte „agentische Arbitrage“ betroffen sein könnten. Gemeint ist ein ziemlich unangenehmer Vorgang für klassische Softwareanbieter: Wenn ein KI-Agent mehrere Programme gleichzeitig benutzt, braucht möglicherweise nicht mehr jeder Mitarbeiter für jedes davon eine eigene Benutzeroberfläche und eine eigene Lizenz. Die Software bleibt da. Nur ihr zahlender Bewunderer könnte seltener vorbeischauen.
Forrester beschreibt einen ähnlichen Umbau. Geschäftsanwendungen entwickeln sich demnach von Programmen, die Menschen bedienen, zu einer Infrastruktur, durch die Agenten Daten abrufen, Abläufe koordinieren und Aufgaben ausführen. Besonders schnell dürfte das dort funktionieren, wo Prozesse datenreich und gut messbar sind. Schwieriger wird es, sobald Nachvollziehbarkeit, Haftung und Kontrolle ins Spiel kommen. Also ungefähr dort, wo Fehler unangenehm werden.
Denn der universelle digitale Butler benötigt nicht nur Intelligenz, sondern Schlüssel. E-Mail, Kalender, Dateien, Kundendaten und irgendwann womöglich Zahlungsfunktionen müssen erreichbar sein, wenn der Agent tatsächlich handeln soll. Damit verschiebt sich das Problem elegant: Früher musste man zehn Apps vertrauen, künftig vielleicht nur noch einem System, das Zugang zu allen zehn besitzt.
Auch für Anbieter entsteht ein interessantes Vergnügen. Wer seinen Kunden bisher über die eigene App an sich gebunden hat, könnte künftig nur noch Datenlieferant für einen fremden Agenten sein. Die viel beschworene Kundenbeziehung findet dann anderswo statt.
Das Ende der App wäre deshalb wohl zu viel Pathos. Wahrscheinlicher ist ihr Rückzug hinter die Kulissen. Die Programme bleiben. Nur der Mensch steht vielleicht nicht mehr davor. Und dann wird plötzlich entscheidend, wer stattdessen dort steht.
Quellen:
▪︎ Gartner, „$234 Billion in Enterprise Application Software Spend Is at Risk from Agentic AI“, Juli 2026
▪︎ Forrester, „How Business Applications Become Agentic“, September 2026
▪︎ Forrester, „The Agentic Business Fabric“, September 2025
▪︎ Arbeitsgrundlage und Themenvorgabe