Früher brauchte man für schlechte Personalführung wenigstens noch einen Vorgesetzten. Heute reicht dafür zunehmend Software. Sie verteilt Aufträge, legt Schichten fest, misst Geschwindigkeit, bewertet Leistung und entscheidet im Zweifel mit darüber, wer am Monatsende wie viel verdient. Das nennt sich algorithmisches Management und klingt erheblich freundlicher als „Der Computer sagt, du warst zu langsam“.
Besonders konsequent funktioniert das bei Plattformarbeit. Fahrer, Lieferboten oder Online-Freelancer bekommen Arbeit nicht einfach zugeteilt. Sie wird berechnet. Wer wann welchen Auftrag sieht, wie attraktiv dieser ist und welche Bewertung anschließend zurückbleibt, kann von einem System abhängen, dessen Regeln der Betroffene nicht kennt. Das hat einen gewissen Charme: Man kann verlieren, ohne wenigstens zu wissen, gegen wen.
Das Prinzip bleibt allerdings längst nicht auf Lieferdienste beschränkt. Eine OECD-Untersuchung unter mehr als 6.000 Managern in sechs Ländern zeigt, wie weit solche Systeme bereits in gewöhnliche Unternehmen vorgedrungen sind. In den untersuchten europäischen Ländern nutzten durchschnittlich 79 Prozent der Firmen mindestens ein Werkzeug, das Beschäftigte anweist, überwacht oder bewertet. In den USA waren es sogar 90 Prozent.
Natürlich kann Software Arbeit sinnvoll organisieren. Sie kann Informationen schneller auswerten, Abläufe koordinieren und Entscheidungen vereinheitlichen. Selbst die befragten Manager sehen darin Vorteile. Fast zwei Drittel derjenigen, die solche Systeme einsetzen, äußerten allerdings zugleich mindestens eine Sorge. Besonders häufig genannt wurden ungeklärte Verantwortung bei Fehlentscheidungen, eine nicht nachvollziehbare Logik und ein unzureichender Schutz der körperlichen und psychischen Gesundheit der Beschäftigten.
Auch die EU-Kommission verweist auf stärkeren Stress und geringere Autonomie durch Überwachungs- und Managementsysteme. Die ILO beschreibt algorithmische Steuerung inzwischen als prägendes Merkmal digitaler Arbeitsplattformen und fordert Transparenz sowie Möglichkeiten, automatisierte Entscheidungen überprüfen zu lassen.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass ein Algorithmus den Dienstplan schreibt. Problematisch wird es, wenn er Einkommen, Bewertung oder Zugang zur Arbeit beeinflusst, während niemand seine Entscheidung erklären muss. Der menschliche Chef konnte immerhin zur Rede gestellt werden.
Der Algorithmus hat dafür leider keine Sprechstunde vorgesehen.
Quellen:
▪︎ OECD: Algorithmic management in the workplace, 2025
▪︎ OECD: How widespread is algorithmic management in workplaces?, 2025
▪︎ Europäische Kommission: Survey results show that one in three EU workers use AI tools at work, 2025
▪︎ International Labour Organization: Algorithmic management in the workplace
▪︎ International Labour Organization: Convention No. 193 on decent work in the platform economy, 2026