Schneller ohne Nutzen

Künstliche Intelligenz hält offenbar, was sie verspricht. Mitarbeiter erledigen ihre Aufgaben schneller, schreiben Texte in Sekunden und lassen sich von digitalen Assistenten durch den Arbeitstag begleiten. Nur eine Kleinigkeit fehlt noch: der wirtschaftliche Nutzen für ihre Arbeitgeber.

Eric Kutcher, Nordamerika-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, hat auf dieses bemerkenswerte Missverhältnis hingewiesen. Nach einer weltweiten McKinsey-Befragung berichten 80 Prozent der Teilnehmer, dass KI ihre persönliche Produktivität verbessert. Einen positiven Beitrag zum operativen Unternehmensgewinn sehen dagegen nur 37 Prozent. Dieser Anteil hat sich gegenüber dem Vorjahr praktisch nicht verändert. Die Beschäftigten werden also effizienter, während viele Unternehmen noch überlegen, wo sich das bemerkbar machen soll.

Besonders deutlich zeigen sich Fortschritte in der Softwareentwicklung. Programmierer können mithilfe künstlicher Intelligenz schneller Code erstellen und bestimmte Arbeitsschritte automatisieren. Doch was nützt die beschleunigte Entwicklung, wenn anschließend dieselben Abstimmungsrunden stattfinden, Entscheidungen weiterhin durch mehrere Hierarchieebenen wandern und organisatorische Hindernisse unangetastet bleiben?

Das Problem liegt offenbar weniger bei den Mitarbeitern als bei der Vorstellung, eine neue Software könne eine veraltete Organisation automatisch modernisieren. Unternehmen haben KI-Werkzeuge eingeführt, Lizenzen bezahlt und ihre Beschäftigten zur Nutzung ermuntert. Die eigentlichen Arbeitsabläufe blieben dabei vielerorts weitgehend unverändert. Nun arbeiten einzelne Menschen schneller innerhalb eines Systems, das seine gewohnte Geschwindigkeit beibehält. Immerhin lässt sich der Stillstand inzwischen mit künstlicher Intelligenz dokumentieren.

McKinsey selbst kommt zu dem Ergebnis, dass die Neugestaltung ganzer Arbeitsprozesse entscheidend dafür ist, ob KI wirtschaftliche Wirkung entfaltet. Das verlangt allerdings mehr als zusätzliche Software. Zuständigkeiten müssen überprüft, Entscheidungswege verkürzt und möglicherweise liebgewonnene organisatorische Rituale infrage gestellt werden. Gerade jene Strukturen also, über die das Management gewöhnlich selbst entscheidet.

Hinzu kommt, dass KI keineswegs kostenlos arbeitet. Rund ein Fünftel der Befragten berichtet bereits, dass die laufenden KI-Kosten den Einsatz begrenzen. Auch die technische Beschleunigung hat ihren Preis.

Die eigentliche Ernüchterung dürfte deshalb noch bevorstehen. Jahrelang wurde darüber gesprochen, wie künstliche Intelligenz die Arbeit der Beschäftigten verändern wird. Jetzt zeigt sich, dass möglicherweise zuerst die Unternehmen ihre eigene Arbeitsweise verändern müssten.

Das ist natürlich deutlich unbequemer, als einfach weitere KI-Lizenzen zu bestellen.


Quellen:
▪︎ McKinsey & Company – The State of AI in 2026: On the Road to ROI
▪︎ McKinsey & Company – The State of AI: How Organizations Are Rewiring to Capture Value (2025)
▪︎ Business Insider Deutschland – KI macht Mitarbeiter produktiver, doch Unternehmen profitieren kaum, sagt McKinsey (9. Oktober 2026)