Die künstliche Intelligenz hat einen bemerkenswerten Vorteil: Man kann mit ihr Mitarbeiter entlassen, bevor sie überhaupt bewiesen hat, dass sie deren Arbeit vollständig übernehmen kann. Das spart zunächst Geld und erzeugt schöne Präsentationen. Schwieriger wird es erst, wenn jemand die Arbeit anschließend tatsächlich erledigen soll.
Gartner erwartet, dass bis 2029 rund 30 Prozent der Beschäftigten, die wegen ihrer vermeintlichen Ersetzbarkeit durch KI entlassen wurden, wieder eingestellt werden müssen. Oft zu höheren Kosten. Denn mit einem Mitarbeiter verschwindet nicht nur eine Stelle. Es verschwinden Erfahrung, interne Kenntnisse, Beziehungen, Routinen und manchmal auch das Wissen darüber, warum ein Prozess überhaupt so funktioniert, wie er funktioniert. Eine Software kann Aufgaben automatisieren. Das Organigramm versteht diesen Unterschied gelegentlich erst später.
Besonders elegant ist der Abbau von Einstiegsstellen. Wer heute weniger Nachwuchs einstellt, spart Gehälter. Einige Jahre später fehlen dann erfahrene Fachkräfte, die merkwürdigerweise niemand rechtzeitig ausgebildet hat. Gartner warnt deshalb vor Kürzungen, die zu tief und zu früh kommen. Gleichzeitig wächst die Gefahr eines sogenannten AI Lock-in: Wenn Beschäftigte grundlegende Fähigkeiten nicht mehr regelmäßig anwenden, fehlt irgendwann genau das menschliche Wissen, das nötig wäre, um fehlerhafte KI-Ergebnisse zu erkennen oder zu korrigieren.
Noch hübscher wird die Geschichte bei der Begründung der Entlassungen. Gartner zufolge war weniger als ein Prozent der angekündigten Stellenstreichungen im ersten Halbjahr 2025 tatsächlich auf Produktivitätsgewinne durch KI zurückzuführen. Trotzdem lässt sich „Transformation durch künstliche Intelligenz“ offenbar eindrucksvoller verkaufen als „wir bauen Personal ab“. Gartner warnt inzwischen selbst vor diesem AI Washing.
So könnte aus der großen Rationalisierung am Ende ein erstaunlich traditionelles Personalmodell werden: Mitarbeiter entlassen, Wissen verlieren, Probleme entdecken und dieselben Leute später teurer zurückholen.
Fortschritt ist eben manchmal nur eine digitale Umleitung.
Quellen:
▪︎ Gartner: Gartner Identifies 4 Shifts Shaping the Future of Work, 9. September 2026
▪︎ Gartner: AI Isn’t Reducing Workforce Costs — It’s Reshaping Them, 2026
▪︎ Gartner: A CCO’s Guide to Layoff Messaging in the Age of AI, 22. Juli 2026
▪︎ Gartner: AI’s Double-Edged Sword: Skill Erosion and the Trap of AI Lock-In