Es gibt technische Fortschritte, die erkennt man daran, dass die Technik mehr kann. Und es gibt technische Fortschritte, die erkennt man daran, dass die Marketingabteilung ein neues Wort gelernt hat. 2026 gehört „Agent“ eindeutig zu den erfolgreicheren Vokabeln der zweiten Kategorie.
Plötzlich arbeiten überall KI-Agenten. Sie recherchieren, planen, prüfen, koordinieren und erledigen ganze Arbeitsabläufe angeblich weitgehend selbstständig. Zumindest steht es auf der Produktseite. Dahinter kann tatsächlich ein System stecken, das mehrere Schritte plant, Werkzeuge benutzt und Aktionen ausführt. Es kann aber auch ein Chatbot sein, der einen API-Aufruf beherrscht. Oder ein gewöhnlicher automatisierter Ablauf, der früher schlicht Automatisierung hieß und offenbar dringend befördert werden musste.
Für diese Karriere gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Agent Washing. Die Kanzlei Debevoise & Plimpton warnte im März 2026 ausdrücklich davor, Systeme als agentisch darzustellen, deren Autonomie, Zuverlässigkeit oder wirtschaftliche Wirkung erheblich bescheidener ausfällt. Besonders interessant wird das für börsennotierte Unternehmen. Wer Investoren erzählt, seine digitalen Mitarbeiter würden selbstständig Prozesse übernehmen, sollte irgendwann nachweisen können, dass die digitalen Mitarbeiter nicht hauptsächlich von analogen Mitarbeitern am Leben gehalten werden.
Das Problem ist längst nicht nur juristischer Natur. Gartner warnte im Mai vor Agent Washing bei Software für Lieferkettenplanung. Auch das Center for Strategic and International Studies sieht schon in der schwammigen Definition von „Agentic AI“ ein Problem: Unter demselben Begriff können einfache Assistenten und erheblich autonomere Systeme verkauft werden. Das ist ausgesprochen praktisch, solange niemand nachfragt, was der Agent eigentlich alleine kann.
„Agent“ scheint damit dieselbe Laufbahn einzuschlagen wie „KI“ zuvor. Erst bezeichnet der Begriff eine bestimmte technische Fähigkeit. Dann wird er zum Qualitätsaufkleber. Am Ende trägt ihn vermutlich auch die automatische Abwesenheitsnotiz, sofern sie selbstständig genug wirkt.
Der Vorteil ist diesmal nur: Autonomie lässt sich testen. Man nimmt die Menschen aus dem angeblich autonomen Prozess heraus und schaut, was übrig bleibt. Manchmal ist es künstliche Intelligenz. Manchmal ein Agent. Und manchmal einfach eine sehr ambitionierte PowerPoint-Präsentation.
Quellen:
▪︎ Debevoise & Plimpton LLP: Agent Washing: Disclosure Risks in the Emerging Market for AI Agents, 25. März 2026.
▪︎ Gartner: Gartner Warns of Agent Washing Risks in Supply Chain Planning Technology Market, 20. Mai 2026.
▪︎ Center for Strategic and International Studies: Lost in Definition: How Confusion over Agentic AI Risks Undermining U.S. Governance Frameworks, 26. Januar 2026.