Die Macht der Ahnungslosigkeit

Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, künstliche Intelligenz hätte wenigstens schon die Weltherrschaft übernommen. Dann müsste man sich nicht mehr anhören, wie Donald Trump eine Debatte über mögliche Risiken hochentwickelter KI kurzerhand zur Verschwörung erklärt. Menschen, die sich beruflich mit der Technik beschäftigen, warnen vor Kontrollverlust, autonomen Cyberangriffen und militärischem Missbrauch. Der Präsident der Vereinigten Staaten erkennt darin vor allem „sehr negative Kräfte“. Fachkenntnis kann manchmal unnötig kompliziert sein.

Dabei stammen die Warnungen keineswegs aus einer Gruppe von Technikverweigerern mit Faxgerät. Anthropic-Chef Dario Amodei fordert eine Verlangsamung bei der Entwicklung besonders leistungsfähiger Systeme und stärkere unabhängige Kontrollen. Sam Altman und Elon Musk unterstützen Teile dieser Forderungen. Anthropic dokumentiert gleichzeitig, wie KI bereits für automatisierte Angriffswerkzeuge, Überwachung und militärische Projekte eingesetzt wurde. Man könnte das zumindest interessant finden. Trump findet es offenbar verdächtig.

Sein Argument ist einfacher: Amerika liegt vor China, Amerika soll vor China bleiben, und wer bremst, hilft China. Das ist ungefähr die sicherheitspolitische Variante des Hinweises, man dürfe beim Autofahren nicht bremsen, weil der Wagen hinter einem sonst aufholt.

China wiederum hält manche amerikanische Warnung für Panikmache und geopolitisches Theater. Das staatlich gestützte „Global Times“ warf Amodei vor, unter dem Deckmantel der Sicherheit einen technologischen Kalten Krieg gegen China zu betreiben. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht, denn Amodei verbindet seine Sicherheitsforderungen ausdrücklich mit strengeren Chip-Exportkontrollen gegen China.

Nur wird die chinesische Position dadurch nicht besonders beruhigend. Peking beschäftigt sich selbst intensiv mit Risiken eines Kontrollverlusts. Chinas Sicherheitsbehörden warnen vor gefährlichen KI-Systemen, Regulierungsmodelle behandeln Szenarien autonom handelnder Systeme, und Xi Jinping fordert, dass KI unter menschlicher Kontrolle bleiben müsse. Ausgerechnet das autoritäre China hält es also für sinnvoll, über Kontrolle nachzudenken, während Trump Kontrolle teilweise für eine Verschwörung hält.

Das Problem ist damit nicht mehr nur künstliche Intelligenz. Es sind Menschen mit sehr realer Macht, die darüber entscheiden, wie mit ihr umgegangen wird. Und derzeit wirkt der chinesische Diktator in dieser Frage vorsichtiger als der amerikanische Präsident. Das sollte eigentlich reichen, um wenigstens kurz nervös zu werden.


Quellen:
▪︎ Reuters, 14. September 2026: Trump weist KI-Risiken als „Hoax“ und Verschwörung zurück.
▪︎ Reuters, 14. September 2026: China bereitet sich auf Risiken eines möglichen Kontrollverlusts bei KI vor.
▪︎ Reuters, 14. September 2026: Chinesische „Global Times“ kritisiert Amodeis Forderungen als Strategie eines technologischen Kalten Krieges.
▪︎ Anthropic, September 2026: Bericht über den Missbrauch von Claude für Cyberangriffe, Überwachung und militärische Anwendungen.