Die Fachkräfte gehen trotzdem

Die künstliche Intelligenz hält offenbar, was die Unternehmen von ihr erwarten. Beschäftigte erledigen mehr Arbeit in weniger Zeit. Die Produktivität steigt. Eigentlich müsste die Begeisterung groß sein. Dummerweise scheinen nicht alle Fachkräfte verstanden zu haben, dass sie sich darüber freuen sollen. Manche verlassen lieber das Unternehmen.

Eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Personalberatung SThree liefert dazu bemerkenswerte Zahlen. Von 817 befragten deutschen Beschäftigten in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik berichteten 38,4 Prozent, dass innerhalb eines Jahres Kollegen aus KI-bezogenen Gründen das Unternehmen verlassen hätten. Besonders auffällig ist der Bereich Life Sciences mit 56,8 Prozent. In der IT waren es dagegen 28,9 Prozent.

Die Gründe verdienen Aufmerksamkeit. Veränderte Tätigkeitsprofile, fehlende Entwicklungsmöglichkeiten und eine als untragbar empfundene Arbeitsbelastung spielten bei den berichteten Abgängen eine wesentliche Rolle. Offenbar kann eine Technologie die Arbeit erleichtern und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Arbeitsplatz weniger attraktiv wird. Technischer Fortschritt besitzt eben keinen eingebauten Betriebsrat.

Dabei funktioniert die versprochene Effizienzsteigerung durchaus. 66,8 Prozent der befragten KI-Nutzer sehen ihre Teams heute produktiver als zwei Jahre zuvor. Gewonnene Zeit fließt unter anderem in strategische Aufgaben, Weiterbildung und zusätzliche Tätigkeiten. Gerade der letzte Punkt ist interessant. Wer dank KI schneller fertig wird, bekommt möglicherweise einfach mehr Arbeit. Aus Zeitersparnis wird dann eine neue Leistungserwartung. Der Feierabend bleibt unverändert.

Allerdings sollte man die Untersuchung nicht überinterpretieren. Befragt wurden Beschäftigte nach ihren Wahrnehmungen. Die Ergebnisse belegen weder eine allgemeine Kündigungswelle noch, dass KI sämtliche genannten Personalabgänge unmittelbar verursacht hat. Sie zeigen aber, dass Produktivität und Arbeitszufriedenheit keineswegs automatisch gemeinsam wachsen.

Unternehmen brauchen deshalb mehr als leistungsfähige Software. Weiterbildung, nachvollziehbare Zuständigkeiten und realistische Arbeitsanforderungen gehören ebenfalls dazu. Wer berufliche Tätigkeiten grundlegend verändert, sollte den betroffenen Menschen wenigstens erklären können, welche Perspektive anschließend noch bleibt.

Die Beschäftigten begegnen künstlicher Intelligenz laut Untersuchung überwiegend mit Neugier und positiven Erwartungen. Das Problem ist also keineswegs zwangsläufig die Technologie. Es könnte auch daran liegen, was Unternehmen daraus machen.

Die KI soll Fachkräfte produktiver machen. Wenn am Ende die Fachkräfte verschwinden, hat das Management zumindest eine bemerkenswert eigenwillige Form der Effizienzsteigerung entdeckt.


Quellen:
▪︎ SThree, MINT Workforce Report 2026: Built to Adapt
▪︎ YouGov, Befragung deutscher MINT-Fachkräfte, Juli bis September 2026
▪︎ Deutsche Presse-Agentur, Wandel im Berufsalltag: KI wird zum Kündigungsgrund, 24. Oktober 2026