Wer bei der Unternehmensberatung McKinsey Karriere machen möchte, muss künftig möglicherweise erst einen Bürgermeister überzeugen. Der sitzt allerdings in keinem Rathaus, wurde von niemandem gewählt und hat auch keine Bürger zu vertreten. Er existiert ausschließlich als künstliche Intelligenz. Immerhin dürfte er für einen Gesprächstermin jederzeit verfügbar sein.
McKinsey erprobt in Nordamerika ein neues Auswahlverfahren für angehende Unternehmensberater. Ausgewählte Bewerber müssen sich dabei etwa zehn Minuten lang mit einem KI-generierten Kunden auseinandersetzen. In einem möglichen Szenario geht es um den Standort eines neuen Stadions. Der virtuelle Bürgermeister stellt Fragen, äußert Bedenken und reagiert auf die Vorschläge seines Gesprächspartners. Beobachtet wird das Ganze von menschlichen Interviewern, die anschließend die Leistung beurteilen. Die Maschine selbst entscheidet nicht über die Einstellung.
Die Idee ist keineswegs unsinnig. Wer später Unternehmen oder Behörden beraten soll, muss komplexe Sachverhalte verständlich erklären, Einwände aufnehmen und auch unter Druck überzeugend argumentieren können. Eine standardisierte Simulation könnte dafür vergleichbare Bedingungen schaffen. Zumindest müssten Bewerber nicht mehr darauf hoffen, zufällig einen gut gelaunten Gesprächspartner zu erwischen.
Allerdings entsteht damit ein neues Problem. Wie realistisch verhält sich ein künstlicher Kunde tatsächlich? Ein Sprachmodell kann auf Fragen reagieren und unerwartete Einwände formulieren. Ob diese Reaktionen fachlich angemessen, nachvollziehbar und in vergleichbaren Situationen ausreichend konsistent sind, ist eine andere Frage. Ein Bewerber könnte an einer unlogischen Antwort scheitern oder besonders gut abschneiden, weil der virtuelle Bürgermeister ungewöhnlich entgegenkommend reagiert. Die Simulation sähe in beiden Fällen professionell aus. Über ihre Qualität wäre damit wenig gesagt.
Hinzu kommt, dass menschliche Beobachter nicht automatisch sämtliche Fehler einer KI erkennen. Wer Leistungen beurteilt, muss auch beurteilen können, ob die Gesprächssituation selbst sinnvoll war. Dafür genügt es nicht, anschließend ein Bewertungsformular auszufüllen.
McKinsey betont ausdrücklich, dass Einstellungsentscheidungen weiterhin von Menschen getroffen werden. Das ist richtig und notwendig. Ob das Verfahren tatsächlich fairer und aussagekräftiger wird, muss sich allerdings erst zeigen.
Die Unternehmensberatung möchte herausfinden, ob ihre zukünftigen Mitarbeiter mit schwierigen Kunden umgehen können. Dafür hat sie zunächst einen Kunden entwickelt, der überhaupt nicht existiert. Sollte das Gespräch scheitern, bleibt immerhin die Gewissheit, dass sich anschließend niemand beim Bürgermeister beschweren wird.
Quellen:
▪︎ The Wall Street Journal, 14. Oktober 2026
▪︎ The Verge, 15. Oktober 2026
▪︎ McKinsey & Company, AI at McKinsey
▪︎ McKinsey & Company, AI-Assisted Interview Privacy Notice