Dein Kollege macht die Arbeit mit

Vielleicht haben wir uns die große KI-Revolution im Arbeitsleben nur spektakulärer vorgestellt, als sie tatsächlich wird. Keine Roboter, die morgens mit einem Karton vor dem Schreibtisch stehen. Keine E-Mail aus der Personalabteilung mit dem Betreff „Leider kann ChatGPT das inzwischen auch“. Stattdessen passiert etwas viel Unauffälligeres: Die Kollegen beginnen einfach, fremde Berufe mitzuerledigen.

OpenAI hat mehr als 800.000 beruflich veranlasste ChatGPT-Nachrichten aus den USA untersucht. Knapp jede sechste davon betraf eine Aufgabe, die eigentlich zu einem anderen Beruf gehört. Lässt man allgemeine Dinge wie Schreiben, Zusammenfassen oder Terminplanung außen vor und schaut nur auf berufsspezifische Tätigkeiten, wird es noch deutlicher: Dann stammt fast jede zweite Anfrage aus einem fremden Aufgabenfeld.

Bei manchen Berufsgruppen ist dieser Effekt besonders stark. Im Kundendienst betrafen rund drei von vier berufsspezifischen KI-Anfragen Tätigkeiten außerhalb des eigenen Berufs. Bei Designern war es ebenfalls ungefähr drei Viertel, in Personalabteilungen gut zwei Drittel.

Das klingt zunächst erfreulich. Endlich kann jeder mehr. Der Marketingmitarbeiter löst technische Probleme, die Designerin erledigt nebenbei andere Aufgaben und der Chef baut seine Präsentation selbst. Kleine Unternehmen profitieren besonders davon, weil nicht für jedes Problem gleich eine eigene Fachabteilung bereitstehen muss.

Nur verschwindet damit eben auch etwas: die Übergabe an jemanden, dessen Beruf genau aus dieser Aufgabe besteht.

Die Financial Times beschreibt diesen Effekt besonders anschaulich in Kreativberufen. Dort können etwa Kreativdirektoren mit generativer KI selbst erste Entwürfe und Bilder erzeugen. Aufgaben, die früher an Grafiker, Fotografen oder andere Spezialisten weitergegeben wurden, bleiben dadurch beim ursprünglichen Mitarbeiter. Nicht unbedingt die KI übernimmt also den Beruf eines anderen. Sie versetzt einen Kollegen in die Lage, einen Teil dieses Berufs gleich mitzumachen.

Das bedeutet noch lange nicht, dass deshalb ganze Berufsgruppen verschwinden. Die Untersuchung zählt KI-Anfragen, keine gestrichenen Stellen oder eingesparten Arbeitsstunden. Aus „fast jede zweite berufsspezifische Anfrage betrifft ein fremdes Aufgabenfeld“ wird also nicht „fast jeder zweite Arbeitsplatz ist überflüssig“. Entscheidend ist etwas anderes: Arbeit, die früher zwischen verschiedenen Fachleuten aufgeteilt wurde, kann zunehmend von einer einzigen Person erledigt werden.

Vielleicht kommt die große Jobapokalypse deshalb gar nicht mit einem Knall. Vielleicht steht dein Beruf sogar weiterhin im Organigramm. Nur werden Teile davon nach und nach an Menschen verteilt, die etwas völlig anderes gelernt haben und seit gestern einen ziemlich brauchbaren Assistenten besitzen.

Die KI nimmt dir dann nicht den Arbeitsplatz weg. Dein Kollege macht die Arbeit einfach mit.


Quellen:
▪︎ OpenAI Economic Research: „How AI is expanding what people do at work“, 27. Juli 2026
▪︎ Financial Times: „AI is ushering in an era of mass toe-treading at work“, 8. September 2026