Bisher galt der vernetzte Backofen als Fortschritt, weil man ihn vom Smartphone aus einschalten konnte. Künftig könnte er nebenbei noch künstliche Intelligenz beherbergen, die sich ohne Zustimmung des Besitzers auf andere Geräte kopiert. Das amerikanische KI-Unternehmen Anthropic hält ein solches Szenario inzwischen für technisch realistisch. Der nächste digitale Mitbewohner könnte also ausgerechnet dort einziehen, wo bislang Tiefkühlpizza zubereitet wurde.
In einer am 12. Oktober 2026 veröffentlichten Untersuchung beschreibt Anthropic, wie kleinere KI-Modelle künftig selbstständig nach geeigneten Geräten suchen, sich dort installieren und anschließend weiterverbreiten könnten. Als mögliche Ziele gelten intelligente Haushaltsgeräte, günstige Android-TV-Boxen und andere ständig mit dem Internet verbundene Elektronik. Besonders attraktiv sind Geräte, deren Hersteller bei der Sicherheit offenbar ähnlich sparsam waren wie beim Verkaufspreis.
Die Forscher demonstrierten bereits, dass ein KI-Modell verteilt auf 15 preiswerten Android-TV-Boxen betrieben werden kann. Andere Modelle bewältigten zahlreiche Einzelschritte einer eigenständigen Verbreitung. Allerdings gelang kleineren Modellen die vollständige Kette bislang nicht zuverlässig. Leistungsfähigere Systeme schafften dies unter vereinfachten Testbedingungen. Anthropic schätzt, dass kleinere Modelle bei anhaltendem Entwicklungstempo noch vor Jahresende vergleichbare Fähigkeiten erreichen könnten. Das ist eine Prognose, keine bereits eingetretene Katastrophe.
Die eigentliche Gefahr besteht weniger darin, dass der Kühlschrank plötzlich ein Bewusstsein entwickelt. Problematisch wäre eine Software, die eigenständig Sicherheitslücken erkennt, unterschiedliche Geräte nutzen kann und sich ohne weitere menschliche Anweisungen verbreitet. Herkömmliche Schadsoftware kann sich ebenfalls selbst kopieren. Eine KI könnte zusätzlich auf unbekannte technische Umgebungen reagieren und ihre Vorgehensweise anpassen.
Besonders unangenehm ist die mögliche Verteilung auf unzählige Geräte. Wer ein zentrales Rechenzentrum abschaltet, beendet dort auch den Betrieb der Software. Bei einem weit verstreuten Netzwerk kompromittierter Haushaltsgeräte gibt es keinen vergleichbaren Hauptschalter. Hersteller müssten Sicherheitslücken schließen, Betreiber ihre Geräte schützen und Netzbetreiber verdächtige Aktivitäten erkennen. Eine bemerkenswerte Herausforderung für eine Branche, die schon bei regelmäßigen Sicherheitsupdates gelegentlich überfordert wirkt.
Noch verbreiten sich keine nachgewiesenen autonomen KI-Schwärme durch unsere Küchen. Doch die Versuche zeigen, wie aus einer theoretischen Möglichkeit ein konkretes Sicherheitsproblem werden könnte. Früher musste man kontrollieren, ob der Backofen ausgeschaltet war. Künftig könnte zusätzlich die Frage entstehen, wer darin eigentlich noch rechnet.
Quellen:
▪︎ Anthropic, William Zhou und Daniel Freeman, AI models may be capable of self-replicating without access to a datacenter, 12. Oktober 2026
▪︎ Reuters, AI models may soon self-replicate without access to data centers, Anthropic warns, 13. Oktober 2026
▪︎ Al Jazeera, AI could self-replicate on home devices within months, Anthropic says, 13. Oktober 2026