Europa hat die künstliche Intelligenz entdeckt und tut, was Europa in solchen Fällen gern tut: Es schreibt erst einmal drauf, dass es künstliche Intelligenz ist.
Seit dem 2. August gelten neue Transparenzpflichten des EU AI Act. Anbieter generativer KI müssen künstlich erzeugte oder manipulierte Inhalte grundsätzlich maschinenlesbar markieren. Deepfakes müssen für Menschen erkennbar gekennzeichnet werden. Auch KI-generierte Texte zu Themen von öffentlichem Interesse können kennzeichnungspflichtig sein.
Ganz so grotesk, wie es zunächst klingt, ist die Sache allerdings nicht. Wer einen Text menschlich prüft oder redaktionell kontrolliert und dafür Verantwortung übernimmt, fällt bei solchen Veröffentlichungen ausdrücklich unter eine Ausnahme. Der normale Redakteur mit ChatGPT im Werkzeugkasten muss also nicht vorsorglich ein Warnschild neben seinen Namen hängen. Immerhin.
Trotzdem steckt in der Regelung eine merkwürdige Vorstellung von Gegenwart. KI wird längst ganz selbstverständlich zum Schreiben, Übersetzen, Recherchieren sowie zum Erstellen und Bearbeiten von Inhalten genutzt. Gleichzeitig entsteht ein Kennzeichnungssystem, das ausgerechnet die Benutzung dieses Werkzeugs zu einer besonderen Information macht. Als müsste ein Text künftig auch mitteilen, ob bei seiner Entstehung eine Rechtschreibprüfung, eine Suchmaschine oder besonders viel Kaffee beteiligt war.
Bei Deepfakes und gezielter Täuschung ist Transparenz sinnvoll. Problematisch wird es dort, wo die Kennzeichnung nicht mehr nur über mögliche Täuschung informiert, sondern KI-Nutzung selbst unter Generalverdacht stellt. Dabei entscheidet nicht das Werkzeug darüber, ob ein Inhalt stimmt, Unsinn ist oder manipuliert. Menschen haben alle drei Varianten schon ziemlich zuverlässig hergestellt, lange bevor jemand einen Prompt eingeben konnte.
Vielleicht brauchen wir irgendwann tatsächlich keine Kennzeichnung mehr für KI-Inhalte. Sondern für Inhalte, bei denen garantiert kein Mensch noch einmal nachgesehen hat.
Bis dahin wird die Zukunft eben ordentlich beschriftet. Sicher ist sicher.
Quellen:
▪︎ Europäische Kommission: „Guidelines on transparency obligations for providers and deployers of certain AI systems“, 20. Juli 2026.
▪︎ Europäische Kommission: „Commission starts enforcing AI Act rules and new transparency requirements on 2 August“, 31. Juli 2026.
▪︎ Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 50, EUR-Lex.