Was macht Scrollen mit dem Gehirn?

Ständiges Scrollen verändert das Gehirn nicht einfach dauerhaft oder macht automatisch unkonzentriert. Es kann aber beeinflussen, wie Aufmerksamkeit gesteuert wird. Besonders bei kurzen Videos wechseln Reize sehr schnell. Das Gehirn muss fortlaufend entscheiden, ob etwas interessant ist und ob weitergewischt wird. Dadurch wird Aufmerksamkeit immer wieder neu ausgerichtet.

Eine EEG-Studie mit jungen Erwachsenen fand bei stärkerer Neigung zu problematischem Kurzvideo-Konsum Hinweise auf eine schwächere sogenannte exekutive Kontrolle. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Aufmerksamkeit bewusst auf eine Aufgabe zu richten und Ablenkungen auszublenden. Andere Forschungsarbeiten finden ebenfalls Zusammenhänge zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und Unaufmerksamkeit oder Impulsivität.

Dabei ist Vorsicht notwendig: Solche Ergebnisse beweisen nicht, dass Scrollen die Ursache ist. Menschen, denen konzentriertes Arbeiten ohnehin schwerer fällt, könnten soziale Medien auch intensiver nutzen. Viele Untersuchungen können Ursache und Wirkung bislang nicht eindeutig trennen.

Besonders wirksam ist das Scrollen, weil ständig neue und unerwartete Inhalte auftauchen. Jeder Wisch kann etwas Interessantes liefern. Das erleichtert es, weiterzumachen, obwohl man ursprünglich nur kurz aufs Smartphone schauen wollte.

Die Forschung spricht deshalb eher für mögliche Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle als für die populäre Vorstellung, ständiges Scrollen würde das Gehirn grundsätzlich „kaputtmachen“.


Quellen:
▪︎ Frontiers in Human Neuroscience: Mobile phone short video use negatively impacts attention functions: an EEG study
▪︎ Journal of Psychiatric Research: The association between problematic social media use and attention deficit/hyperactivity disorder symptomatology
▪︎ Research in Developmental Disabilities: The relationship between social media use and adolescent inattention and impulsivity: A systematic review