Menschen können sich im Internet aggressiver verhalten als in persönlichen Gesprächen, weil wichtige soziale Bremsen schwächer wirken. In der Psychologie wird dieser Effekt häufig mit dem Begriff Online-Enthemmung beschrieben.
Wer einen beleidigenden Kommentar schreibt, sieht die unmittelbare Reaktion des Gegenübers meist nicht. Gesichtsausdruck, Tonfall und Körpersprache fehlen. Dadurch wird weniger deutlich, dass hinter einem Profil ein realer Mensch sitzt. Auch räumliche Distanz, anonyme oder pseudonyme Konten und das Gefühl, für das eigene Verhalten kaum Konsequenzen erwarten zu müssen, können Hemmungen senken.
Hinzu kommt die Dynamik sozialer Netzwerke. Empörende und konfliktträchtige Beiträge erzeugen häufig viele Reaktionen. Dadurch können Diskussionen schneller eskalieren und aggressive Beiträge zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mensch online automatisch aggressiver wird. Persönlichkeit, Gruppennormen, Thema, Plattform und konkrete Situation spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Anonymität allein erklärt das Phänomen deshalb nicht. Forschungen zeigen, dass mehrere Faktoren zusammenwirken: fehlender Blickkontakt, geringe soziale Präsenz, Distanz und eingeschränkte persönliche Rückmeldung.
Das Internet erzeugt Aggression also nicht zwangsläufig. Es kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Menschen leichter Dinge schreiben, die sie ihrem Gegenüber im direkten Gespräch vermutlich nicht sagen würden.
Quellen:
▪︎ John Suler: The Online Disinhibition Effect, CyberPsychology & Behavior, 2004
▪︎ Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak: Effects of anonymity, invisibility, and lack of eye-contact on toxic online disinhibition, Computers in Human Behavior, 2012