Mutti wartet lieber noch

Angela Merkel hat die Künstliche Intelligenz entdeckt. Offenbar aber nur unter der Voraussetzung, dass sie ihr nicht zu nahekommt. Ihr Leben mit einem Chatbot besprechen? „Um Gottes willen“, sagte die frühere Bundeskanzlerin bei der Digital X in Köln. Informationen für eine Rede zusammensuchen lassen? Das geht hingegen. Einen intelligenten Haushaltsroboter hätte sie später auch gern. Die Zukunft darf also durchaus ins Haus, solange sie sich nützlich macht und keine persönlichen Fragen stellt.

Man könnte das für jene eigentümliche Form technologischer Annäherung halten, bei der Neues zunächst misstrauisch betrachtet wird, bis es den Fernseher einrichtet oder die Küche aufräumt. Merkel selbst ist keineswegs grundsätzlich gegen KI. Im Gegenteil: Sie erwartet Verbesserungen etwa in Medizin und Bildung und sagt ausdrücklich, dass wir mit dieser Technologie leben werden. Gleichzeitig warnt sie vor Abhängigkeiten von großen Anbietern und fordert Transparenz sowie internationale Regeln. Das ist vernünftig. Fast enttäuschend vernünftig.

Interessant wird es dort, wo die Technik näher rückt. Merkel berichtete, dass ein KI-System ihr bei Recherchen bereits falsche Informationen geliefert und diese anschließend auch noch überzeugend ausgeschmückt habe. Das ist ärgerlich, aber immerhin kein völlig neues gesellschaftliches Phänomen. Menschen, Medien und Politik haben die Kunst, Unsinn mit großer Gewissheit vorzutragen, nicht erst seit ChatGPT entdeckt.

Vielleicht zeigt sich hier weniger ein Problem Angela Merkels als ein vertrauter Reflex ihrer Generation: Die Zukunft wird akzeptiert, sobald sie bewiesen hat, dass sie sich ordentlich benimmt. Nur hat technischer Wandel die lästige Angewohnheit, nicht auf persönliche Bereitschaft zu warten.

Merkel musste als Kanzlerin Entscheidungen treffen, bei denen ein „Um Gottes willen“ allein selten gereicht hätte. Nun steht eine Technologie vor der Tür, die selbst Entscheidungen vorbereitet, Texte schreibt, Wissen sortiert und zunehmend Alltag organisiert. Man kann sie kritisch betrachten. Man sollte es sogar.

Nur aufhalten lässt sie sich dadurch nicht.

Eine KI könnte theoretisch warten. Die Zukunft tut es erfahrungsgemäß nicht.


Quellen:
▪︎ DER SPIEGEL, „Angela Merkel über KI: Das Leben mit Chatbot besprechen? ‚Um Gottes willen‘“, 8. September 2026
▪︎ dpa / DIE ZEIT, „Angela Merkel wünscht sich einen KI-Roboter für den Haushalt“, 8. September 2026
▪︎ WELT, „Angela Merkel wünscht sich einen KI-Roboter für den Haushalt“, 8. September 2026