Endlich wieder schlechte Nachrichten

Eigentlich könnte man meinen, dass Menschen genug davon hätten. Krieg, Krisen, Klimawandel, politische Verwerfungen, künstliche Intelligenz, Arbeitsplatzängste und zwischendurch noch die Erinnerung daran, dass der Planet irgendwann ohnehin von der Sonne verschluckt wird.

Trotzdem nehmen wir das Smartphone in die Hand und schauen nach, ob vielleicht noch etwas Schlimmeres passiert ist.

Dafür gibt es inzwischen sogar ein eigenes Wort: Doomscrolling. Gemeint ist das fortgesetzte Konsumieren negativer Nachrichten, obwohl man längst merkt, dass die Sache weder der Stimmung noch dem eigenen Weltbild besonders zuträglich ist.

Man könnte auch sagen: Wir haben uns nahezu das gesamte Wissen der Menschheit in die Hosentasche gesteckt und benutzen es nun dazu, uns vor dem Einschlafen systematisch die Laune zu verderben.

Ganz irrational ist das allerdings nicht. Menschen reagieren stärker auf Bedrohungen als auf gute Nachrichten. Das ist vermutlich evolutionär keine schlechte Idee. Wer den Säbelzahntiger übersah, hatte von der schönen Aussicht anschließend nicht mehr besonders viel.

Dieses Prinzip funktioniert auch im Internet ausgesprochen zuverlässig. Eine große Untersuchung von mehr als 105.000 Varianten von Nachrichtenüberschriften mit insgesamt über 370 Millionen Einblendungen zeigte, dass negative Wörter die Klickwahrscheinlichkeit erhöhten. Bei einer durchschnittlich langen Überschrift steigerte jedes zusätzliche negative Wort die Klickrate um etwa 2,3 Prozent. Positive Wörter bewirkten dagegen das Gegenteil.

Das Internet hat damit eine ziemlich alte Schwäche des Menschen entdeckt und hervorragend industrialisiert. Früher musste man wenigstens noch eine Zeitung kaufen, um sich über den Zustand der Welt aufzuregen. Heute genügt ein Finger.

Das Merkwürdige am Doomscrolling ist allerdings, dass wir offenbar nicht einfach nur schlechte Nachrichten mögen. Dahinter steckt vermutlich auch der Versuch, Unsicherheit zu beherrschen.

Wenn irgendwo etwas Bedrohliches passiert, wollen wir wissen, was los ist. Dann noch ein bisschen mehr. Und sicherheitshalber noch eine Meldung. Vielleicht findet sich irgendwo die Information, nach der sich die Lage plötzlich wieder kontrollierbar anfühlt. Nur kommt dieser Moment erstaunlich selten.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2025 fand einen Zusammenhang zwischen Doomscrolling, Ängstlichkeit und einer geringen Toleranz gegenüber Unsicherheit. Besonders interessant daran ist die mögliche Schleife: Wer Unsicherheit schlecht erträgt, sucht mehr Informationen. Wer immer mehr negative Informationen konsumiert, bekommt anschließend noch mehr Gründe geliefert, unsicher zu sein.

Die perfekte Maschine also. Sie löst das Problem nicht. Sie sorgt nur dafür, dass man beschäftigt bleibt.

Andere Untersuchungen gehen noch weiter. In einer Studie mit Teilnehmern aus den USA und dem Iran hing stärkeres Doomscrolling mit größerer existenzieller Angst zusammen. In einer der untersuchten Gruppen war es zusätzlich mit einem pessimistischeren Blick auf andere Menschen verbunden. Die Forscher warnen deshalb davor, dass dauerhafter Konsum negativer Nachrichten nicht nur kurzfristig die Stimmung beeinflussen könnte, sondern langfristig sogar verändern kann, wie wir die Welt und unsere eigene Stellung darin wahrnehmen.

Das passt ziemlich gut zu unserer Gegenwart. Denn schlechte Nachrichten waren immer interessant. Neu ist vor allem, dass sie uns nicht mehr ausgehen können.

Ein Algorithmus muss keine Weltverschwörung planen, um uns zuverlässig das Elend der Menschheit vorzuführen. Es genügt völlig, wenn er feststellt, worauf wir klicken.

Und wir klicken.

Das erklärt möglicherweise auch, warum Dystopien derzeit so gut in unsere Zeit passen. Sie geben all den diffusen Ängsten eine Form. In einem dystopischen Roman ist wenigstens klar, was schiefgelaufen ist. Die Regierung ist totalitär. Die Maschine hat übernommen. Die Gesellschaft ist kollabiert. Der Konzern kontrolliert alles.

Die Wirklichkeit ist dagegen wesentlich unhöflicher. Dort passiert alles gleichzeitig, niemand kennt den gesamten Zusammenhang und selbst Experten erklären regelmäßig, dass die Lage kompliziert sei. Eine Dystopie dagegen hat wenigstens einen Plot.

Vielleicht liegt darin ein Teil ihrer Anziehungskraft. Nicht unbedingt in der Sehnsucht nach einer schlechten Zukunft, sondern in der Sehnsucht nach einer Zukunft, deren Katastrophe verständlich ist.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Mensch, der Nachrichten liest oder düstere Science-Fiction mag, heimlich unglücklich werden möchte. Negative Informationen sind wichtig. Gefahren zu kennen kann helfen, darauf zu reagieren. Und Dystopien waren immer auch Warnungen, gesellschaftliche Experimente und Möglichkeiten, gegenwärtige Entwicklungen zu überzeichnen, damit man sie überhaupt erkennt.

Auch beim Doomscrolling ist die Forschung vorsichtiger, als es der Begriff vermuten lässt. Viele Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Angst, Unsicherheit, negativem Nachrichtenkonsum und psychischer Belastung. Daraus folgt noch nicht, dass fünf Minuten schlechte Nachrichten automatisch einen Menschen zum überzeugten Pessimisten machen.

Aber die Richtung ist bemerkenswert. Wir suchen Informationen, damit die Welt übersichtlicher wird. Und haben dafür eine Technik gebaut, die uns jederzeit noch eine weitere schlechte Nachricht liefern kann.

Endlich müssen wir uns nicht mehr damit abfinden, dass gerade nichts passiert.

Wir können einfach weiterscrollen.


Quellen
▪ Nature Human Behaviour: „Negativity drives online news consumption“, 2023
▪ Computers in Human Behavior Reports: „Doomscrolling, anxiety and intolerance of uncertainty“, 2025
▪ Acta Psychologica: „Doomscrolling and existential anxiety“, 2024