Die medizinische Versorgung hat einen neuen Fachbereich. Er befindet sich zwischen Schminktipps, Katzenvideos und Produktempfehlungen. Dort erklären Menschen in sechzig Sekunden, woran man ADHS oder Autismus erkennen kann. Die Untersuchung entfällt, die Diagnose liefert der Algorithmus. Praktischer lässt sich Gesundheitsversorgung kaum organisieren.
Am 17. Oktober 2026 beschäftigte sich das WDR-Medienmagazin Töne, Texte, Bilder mit diesem Phänomen. Die Psychiaterin Merve Fritsch und die Journalistin Noelle O’Brien-Coker untersuchen in ihrem gemeinsamen Podcast-Projekt, was hinter dem vermeintlichen Social-Media-Hype um psychische Erkrankungen und Neurodivergenz steckt. Ein Thema, das längst über gelegentliche Erfahrungsberichte hinausgeht.
Dabei ist die öffentliche Auseinandersetzung mit ADHS und Autismus durchaus ein Fortschritt. Menschen berichten über Schwierigkeiten, die früher häufig übersehen oder falsch eingeordnet wurden. Persönliche Erfahrungen können Vorurteile abbauen und anderen helfen, eigene Probleme besser zu verstehen. Nicht jede Selbstvermutung ist deshalb Unsinn. Und nicht jede ärztliche Diagnose kommt rechtzeitig.
Problematisch wird es, wenn aus Aufklärung eine medizinische Schnellabfertigung entsteht. Wer häufig seine Schlüssel verlegt, sich schlecht konzentrieren kann oder gesellschaftliche Veranstaltungen anstrengend findet, begegnet im Internet schnell entsprechenden Erklärungsmustern. Einzelne Verhaltensweisen werden zu Symptomen erklärt, gewöhnliche Alltagserfahrungen zu möglichen Krankheitszeichen. Der entscheidende Unterschied zwischen einer persönlichen Beobachtung und einer fachlichen Diagnose verschwindet dabei gelegentlich vollständig.
Dass dies keine bloße Befürchtung ist, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Eine 2025 im Journal of Medical Internet Research veröffentlichte Studie fand unter 1.000 untersuchten TikTok-Videos zu psychiatrischen Themen erhebliche Anteile irreführender und falscher Informationen. Auch eine 2026 veröffentlichte systematische Literaturübersicht beschreibt problematische Vereinfachungen bei ADHS-Inhalten.
Für Gesundheits-Creator entsteht daraus eine bemerkenswerte Verantwortung. Persönliche Erfahrungen dürfen selbstverständlich veröffentlicht werden. Sie sollten allerdings nicht mit medizinischer Gewissheit verwechselt werden. Reichweite ersetzt weder Diagnostik noch fachliche Qualifikation. Ein sympathischer Auftritt macht eine Behauptung nicht wissenschaftlich belastbarer.
Die eigentliche Absurdität liegt darin, dass soziale Netzwerke gleichzeitig zur Aufklärung beitragen und neue Missverständnisse produzieren können. Wer bislang keine Erklärung für seine Schwierigkeiten hatte, findet möglicherweise wertvolle Hinweise. Wer dagegen jedes alltägliche Verhalten medizinisch interpretieren möchte, findet ebenfalls ausreichend Material.
TikTok kann Aufmerksamkeit schaffen. Diagnosen sollte man trotzdem Menschen überlassen, die mehr als die letzten drei Videos gesehen haben.
Quellen:
▪︎ WDR 5, Töne, Texte, Bilder, 17. Oktober 2026
▪︎ Journal of Medical Internet Research, 2025
▪︎ Educational Psychology in Practice, systematische Literaturübersicht zu ADHS-Inhalten auf TikTok, 2026
▪︎ Social Science & Medicine, Dr. TikTok: How Algorithms Suggest ADHD and Autism Diagnoses, 2026