Die KI findet schon mal die Tablette

Die Pharmaforschung bekommt Verstärkung. Sie schläft nicht, braucht keine Kaffeepause und kann vermutlich sehr überzeugend erklären, warum ausgerechnet Molekül Nummer 4.827 einen näheren Blick verdient. Anfang September hat Boehringer Ingelheim eine Lizenzvereinbarung mit dem KI-Unternehmen Owkin geschlossen. Dessen Plattform K Pro soll Daten aus Krebs- und Immunforschung durchforsten und dabei helfen, neue Ansatzpunkte für Medikamente zu finden.

Boehringer ist damit keineswegs allein. AstraZeneca vereinbarte im Mai eine dreijährige Zusammenarbeit mit Owkin, Sanofi legte im Juni mit einer mehrjährigen Kooperation nach. Die Pharmaindustrie scheint sich jedenfalls darauf geeinigt zu haben, dass der nächste große Wirkstoff möglichst nicht mehr ausschließlich von Menschen gesucht werden soll.

Das ergibt durchaus Sinn. Medizinische Forschung produziert gewaltige Datenmengen, und eine KI kann darin Muster suchen, Zusammenhänge prüfen und Kandidaten aussortieren, bevor sich ganze Forscherteams jahrelang mit ihnen beschäftigen. Ein besserer Suchapparat kann enorm wertvoll sein.

Nur ist ein gefundener Kandidat noch kein Medikament. Das klingt banal, gerät angesichts der üblichen KI-Begeisterung aber erstaunlich schnell unter die Räder. Bevor ein neuer Wirkstoff Patienten erreicht, muss er präklinische Untersuchungen und anschließend mehrere Phasen klinischer Studien durchlaufen. Dabei geht es zunächst um Sicherheit und Dosierung, später um Wirksamkeit, Nebenwirkungen und schließlich um den tatsächlichen Nutzen bei größeren Patientengruppen. Phase-3-Studien allein können mehrere Jahre dauern.

Auch FDA und EMA erinnern deshalb vorsorglich daran, dass KI in der Arzneimittelentwicklung nichts an den Anforderungen an Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit ändert. Eine erfreulich altmodische Haltung. Der menschliche Körper lässt sich offenbar weiterhin nicht durch eine besonders hübsche Kurve im Präsentationsmodus überzeugen.

KI könnte die Pharmaforschung also tatsächlich schneller und klüger machen. Sie kann die Suche verkürzen.

Ob das Gefundene wirkt, entscheidet am Ende allerdings noch immer die Biologie. Und die hat K Pro bislang nicht abonniert.


Quellen:
▪︎ Owkin: Vereinbarung mit Boehringer Ingelheim, 2. September 2026
▪︎ Owkin: Kooperationen mit AstraZeneca und Sanofi, Mai/Juni 2026
▪︎ U.S. Food and Drug Administration: Clinical Research und Drug Development Process
▪︎ FDA/EMA: Guiding Principles of Good AI Practice in Drug Development, 2026