Bitte wieder selber denken

Es ist vermutlich kein gutes Zeichen für die Zukunft des automatisierten Schreibens, wenn ausgerechnet eine KI-Firma ihre Mitarbeiter darum bitten muss, etwas weniger automatisiert zu schreiben.

Scott Stevenson, Chef des kanadischen Legal-Tech-Unternehmens Spellbook, hat seinen mehr als 200 Mitarbeitern Regeln für den Umgang mit KI beim Schreiben gegeben. Bei internen Vorschlägen möchte er lieber eine unfertige „D+“-Version einer Idee sehen als einen perfekt geglätteten Text, bei dem niemand mehr erkennen kann, wie viel eigener Gedanke eigentlich noch darin steckt. Für Kundenkommunikation gelten noch strengere Regeln. Die soll von Menschen geschrieben werden.

Das Problem ist nicht, dass KI schlecht formuliert. Eher im Gegenteil.

Aus drei brauchbaren Sätzen lassen sich heute mühelos drei Seiten sehr ordentlich klingende Geschäftssprache herstellen. Überschriften, Gliederung, Zusammenfassung, ein paar bedeutungsschwere Übergänge. Fertig ist das Dokument. Ob darin anschließend mehr Gedanke steckt als vorher, ist eine andere Frage.

Spellbook ist mit dieser Sorge nicht allein. Auch andere Unternehmen versuchen inzwischen, Regeln gegen sogenanntes „AI Slop“ oder „Workslop“ einzuführen. Gemeint sind KI-generierte Texte, Präsentationen oder andere Arbeitsergebnisse, die professionell aussehen, aber wenig Substanz haben und deshalb anderen zusätzliche Arbeit machen. Eine Untersuchung von BetterUp und dem Stanford Social Media Lab ergab, dass rund 40 Prozent der befragten US-Büroangestellten innerhalb eines Monats solche Inhalte erhalten hatten. Im Durchschnitt kostete jeder dieser Fälle fast zwei Stunden Nacharbeit.

Beim Softwareunternehmen Clay haben Mitarbeiter dafür bereits einen hübschen Begriff gefunden: „meat proxies“. Menschen also, die den Output einer Maschine im Wesentlichen nur noch an den nächsten Menschen weiterreichen.

Natürlich kann KI Texte verbessern, Gedanken ordnen und Schreibarbeit beschleunigen. Genau darin liegt ihr Nutzen. Problematisch wird es erst, wenn die Qualität der Formulierung irgendwann als Ersatz für die Qualität des Gedankens durchgeht.

Wir haben Maschinen gebaut, die aus wenig sehr viel machen.

Jetzt merken die ersten KI-Firmen, dass aus vielen Wörtern einfach kein großer Gedanke werden will.


Quellen:
▪︎ Business Insider: „This tech CEO said he wants the ‚D+ version‘ of employee ideas“, 8. September 2026
▪︎ Business Insider: „AI can turn a few sentences into pages of prose. Some employers have had enough“, 7. September 2026
▪︎ BetterUp Labs / Stanford Social Media Lab: „Workslop: The Hidden Cost of AI-Generated Busywork“, 2025/2026