Offenbar reicht es heute nicht mehr, dass Beschäftigte arbeiten. Man möchte ihnen dabei auch möglichst lückenlos zusehen. Computeraktivitäten, GPS-Daten, Bewegungen, Arbeitsabläufe, Leistungskennzahlen: Was sich messen lässt, wird gemessen. Nicht unbedingt, weil es etwas verbessert. Aber wenigstens weiß man dann sehr genau, wie jemand gearbeitet hat, während man ihm nicht vertraute.
Elektronische Leistungsüberwachung ist längst kein exotisches Randphänomen mehr. Kameras, Mikrofone, Software zur Computerüberwachung, Ortungssysteme, Apps und tragbare Sensoren gehören inzwischen zum Werkzeugkasten moderner Arbeitgeber. Besonders interessant ist dabei, wen diese schöne neue Transparenz trifft. Eine 2026 veröffentlichte repräsentative US-Studie mit 2.515 Beschäftigten zeigt, dass Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen häufiger überwacht werden, intensivere Kontrolle erleben und negativer darauf reagieren. Wer ohnehin wenig Sicherheit und Einfluss hat, bekommt also zur Beruhigung noch ein Messgerät dazu.
Nun könnte man einwenden, dass all diese Kontrolle wenigstens die Leistung steigert. Leider zeigt die Forschung auch hier wenig Dankbarkeit gegenüber der Idee. Eine große Übersicht im Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior kommt zu dem Ergebnis, dass elektronische Überwachung im Durchschnitt keinen eindeutigen positiven Effekt auf die Arbeitsleistung hat. Dafür gibt es einen kleinen Zusammenhang mit höherem Stress und schlechteren Einstellungen zur Arbeit.
Selbst beim Thema Sicherheit wird es widersprüchlich. Das US-Rechnungskontrollamt GAO hat 122 Studien ausgewertet und kommt zu einer gemischten Bilanz. Überwachung kann durchaus helfen, Gefahren zu erkennen. Sie kann Beschäftigte aber auch dazu bringen, schneller zu arbeiten, um vorgegebene Leistungswerte zu erreichen, und dadurch das Verletzungsrisiko erhöhen. Außerdem können fehlerhafte Produktivitätsmaßstäbe dazu führen, dass Arbeit falsch bewertet wird.
Hinzu kommt das algorithmische Management. Software verteilt Aufgaben, erstellt Dienstpläne, überwacht, bewertet und sanktioniert. Eine aktuelle Forschungsübersicht beschreibt dabei ein hübsches Paradox: Solche Systeme können Abläufe effizienter machen, zugleich aber die wahrgenommene Autonomie der Beschäftigten verringern und Widerstand hervorrufen.
Man kann Arbeit inzwischen also nahezu lückenlos vermessen. Nur besser wird sie davon offenbar nicht.
Quellen:
▪︎ Journal of Business and Psychology, „Work Precarity and Workplace Surveillance Experiences“, 2026
▪︎ Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, „Electronic Monitoring at Work“, 2025
▪︎ U.S. Government Accountability Office, „Digital Surveillance: Potential Effects on Workers and Roles of Federal Agencies“, 2025
▪︎ Frontiers in Psychology, „The algorithmic management paradox“, 2026