Der Hacker kommt jetzt mit KI

Die Digitalisierung der deutschen Verwaltung macht Fortschritte. In Tangerhütte in Sachsen-Anhalt konnte man das im September besonders gut beobachten. Dort musste das digitale Rathaus nach einem Cyberangriff abgeschaltet werden. Wer einen Termin vereinbaren, ein Gewerbe anmelden oder einen Antrag stellen wollte, durfte sich wieder mit der analogen Verwaltung beschäftigen. Fortschritt bedeutet schließlich nicht, dass man bewährte Verfahren vollständig aufgeben muss.

Der Angriff vom 16. September 2026 könnte allerdings eine neue Qualität besitzen. Nach Einschätzung des Softwareunternehmens Innocon setzten die Täter künstliche Intelligenz ein. Sie entdeckten eine bislang unbekannte Sicherheitslücke und nutzten diese mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit aus. Besonders auffällig war, dass während des Angriffs offenbar neue Befehle entwickelt wurden. Internationale IT-Experten halten einen KI-Einsatz für plausibel. Eindeutig bewiesen ist er bislang nicht. Immerhin funktionierten die vorhandenen Schutzmaßnahmen. Der Angriff wurde abgewehrt, ein Abfluss echter Bürgerdaten wurde nicht festgestellt.

Bemerkenswert ist weniger die Sicherheitslücke als die mögliche Arbeitsteilung. Früher brauchte ein erfolgreicher Hacker erhebliche Fachkenntnisse, Geduld und technische Erfahrung. Heute könnte ein Teil dieser Arbeit von einer Maschine übernommen werden. Die sucht nach Schwachstellen, entwickelt Angriffsschritte und arbeitet mit einer Geschwindigkeit, bei der selbst besonders motivierte Kriminelle irgendwann eine Kaffeepause benötigen.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt bereits vor den Folgen. KI könne Angriffe erheblich beschleunigen und deren Umfang vervielfachen. BSI-Vizepräsident Thomas Caspers sieht deshalb auch die Entwickler großer KI-Modelle in der Verantwortung. Sie sollen verhindern, dass ihre Systeme zum digitalen Einbruchswerkzeug werden. Das klingt vernünftig. Allerdings dürfte es schwierig werden, einer universell einsetzbaren Technologie zuverlässig beizubringen, welche Programmieraufgabe der Sicherheit dient und welche dem nächsten Angriff.

Für die öffentliche Verwaltung entsteht damit ein unangenehmer Widerspruch. Einerseits sollen Kommunen immer mehr Dienstleistungen digital anbieten. Andererseits müssen sie Systeme schützen, deren Angriffsfläche mit jedem zusätzlichen Onlinedienst wächst. Die Täter können ihre Möglichkeiten inzwischen mit künstlicher Intelligenz erweitern. Die Verteidiger benötigen dafür weiterhin Fachpersonal, Geld und funktionierende Sicherheitskonzepte.

Tangerhütte zeigt, wie dieser Wettlauf aussehen könnte. Die Angreifer experimentieren mit der nächsten technischen Generation. Die Bürger stehen währenddessen wieder vor der Verwaltungstür. Digitalisierung funktioniert eben auch rückwärts.


Quellen:
▪︎ MDR AKTUELL, 14. Oktober 2026
▪︎ MDR, Hackerangriff auf das digitale Rathaus Tangerhütte, 16. September 2026
▪︎ Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Sicherheitsinformationen zu KI-gestützten Cyberangriffen