Leider noch nicht gefährlich genug

Es gibt Probleme, die man vermeiden möchte. Und es gibt Probleme, die man offenbar erst einmal erreichen muss. Huawei scheint bei künstlicher Intelligenz eher zur zweiten Schule zu gehören. Eric Xu, einer der rotierenden Vorsitzenden des chinesischen Konzerns, erklärte auf der Huawei Connect in Shanghai sinngemäß, chinesische KI-Modelle seien noch nicht leistungsfähig genug, um jene Sicherheitsrisiken zu zeigen, über die führende amerikanische KI-Unternehmen inzwischen öffentlich diskutieren. Die naheliegende Konsequenz wäre Vorsicht. Xu kam zu einer anderen: China müsse schneller werden.

Das Argument besitzt eine bemerkenswerte Eleganz. Solange die eigenen Systeme noch nicht gefährlich genug sind, fehlt schließlich der praktische Nachweis, wie gefährlich sie werden könnten. Also muss man sie zunächst leistungsfähiger machen. Erst dann kann man sich mit den Risiken beschäftigen, die durch genau diese Leistungsfähigkeit entstehen. Sicherheitsforschung als nachgelagerte Schadensbesichtigung.

Ganz aus der Luft gegriffen ist der Wettbewerbsdruck nicht. Amerikanische Unternehmen wie OpenAI und Anthropic diskutieren zunehmend Risiken autonom arbeitender Systeme und fordern stärkere Prüfungen und Sicherheitsmechanismen. Gleichzeitig versucht China, bei Modellen, Chips und Recheninfrastruktur technologisch aufzuschließen. Huawei spielt dabei eine zentrale Rolle, gerade weil amerikanische Exportbeschränkungen den Zugang zu besonders leistungsfähigen Nvidia-Chips erschweren.

Wie entschlossen Huawei an die kommende Agentenwelt glaubt, zeigt eine andere Zahl. Im Bericht „Intelligent World 2035“ rechnet der Konzern damit, dass autonome KI-Agenten bis 2035 mehr als 90 Prozent des weltweiten KI-Tokenverkehrs verursachen könnten. Reuters nennt auf Grundlage der Huawei-Prognose bis zu 900 Milliarden aktive Agenten. Das wären erheblich mehr Softwareakteure als Menschen. Immerhin wird es dann niemandem an Gesellschaft fehlen.

Damit entsteht das klassische Problem eines technologischen Wettrennens. Jede Seite kann erklären, dass sie eigentlich verantwortungsvoll handeln würde, wenn nur die andere nicht so verdächtig schnell wäre. Wer bremst, fürchtet zurückzufallen. Wer beschleunigt, verweist auf die anderen. Und am Ende fahren alle schneller, während gleichzeitig Konferenzen darüber stattfinden, wie gefährlich hohe Geschwindigkeit werden könnte.

Die beruhigende Nachricht lautet also: Chinas KI ist laut Huawei noch nicht gefährlich genug. Man arbeitet daran.


Quellen:
▪︎ Reuters, 17. September 2026, „Chinese AI not powerful enough to see rogue-AI risks, says Huawei“
▪︎ Reuters, 16. September 2026, „China’s Huawei forecasts billions of agents will dominate AI traffic by 2035“
▪︎ Huawei, „Intelligent World 2035: Turning Vision into Action“, 16. September 2026
▪︎ Huawei, HUAWEI CONNECT 2026, Shanghai