Europa entdeckt gerade eine alte industriepolitische Weisheit wieder: Arbeitsplätze bleiben leichter in Europa, wenn hier auch noch etwas hergestellt wird. Beim Bosch-Gesamtbetriebsrat ist diese Erkenntnis inzwischen so dringlich geworden, dass er verbindlichere Regeln für europäische Produktion fordert. Bosch selbst steckt schließlich mitten im Umbau. Allein im Kerngeschäft mit Automobiltechnik sollen bis zum Ende des Jahrzehnts rund 13.000 Stellen wegfallen.
Frank Sell, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Bosch Mobility, verlangt deshalb klare Regeln für „Made in the EU“. Fördermittel und Aufträge sollen stärker daran gebunden werden, dass Wertschöpfung tatsächlich in Europa stattfindet. Die Endmontage importierter Teile soll dafür nach Vorstellung der Arbeitnehmervertreter nicht genügen. Das klingt zunächst erfreulich altmodisch: Wer europäische Industrie fördern möchte, könnte auf die verwegene Idee kommen, europäische Industrie zu fördern.
Ganz so bequem ist die Sache allerdings nicht. Bosch und andere europäische Hersteller kämpfen mit hohen Produktionskosten, schwacher Nachfrage und wachsender Konkurrenz aus China. Politische Schutzregeln können Unternehmen Zeit verschaffen. Sie können aber weder hohe Kosten wegregulieren noch technologische Rückstände per Verordnung verschwinden lassen. Und wenn europäische Vorgaben Konkurrenz wirksam fernhalten, könnte am Ende auch der Druck sinken, schneller, günstiger und besser zu werden. Bezahlen würde das im Zweifel der Kunde. Das nennt man dann vermutlich strategische Autonomie und schreibt die Rechnung etwas kleiner.
Der eigentliche Wandel der Arbeit zeigt sich hier deshalb nicht in der hübschen Vorstellung, dass morgen ein Roboter Herrn Müller an Maschine 7 ersetzt. Ganze Wertschöpfungsketten verschieben sich. Produktion, Entwicklung, Zulieferer und damit Arbeitsplätze können gemeinsam wandern. Genau deshalb ist die Forderung des Betriebsrats nachvollziehbar. Sie enthält nur noch keine Garantie, dass die Industrie damit gerettet wird.
Vielleicht kauft Europa mit „Made in the EU“ tatsächlich Zeit. Entscheidend wäre dann, diese Zeit nicht mit der beruhigenden Feststellung zu verbringen, dass man jetzt immerhin Zeit gekauft hat.
Quellen:
▪︎ Reuters, 16. September 2026
▪︎ Tagesschau / SWR, 16. September 2026
▪︎ Handelsblatt, 16. September 2026