Leider in die falsche Zukunft investiert

Es gab einmal einen recht übersichtlichen gesellschaftlichen Vertrag. Wer in der Schule aufpasst, Abitur macht und anschließend ein Studium durchhält, darf später einen Beruf ausüben, bei dem das Dach meistens dicht ist und die Hände sauber bleiben.

Künstliche Intelligenz könnte den Ausstieg aus diesem Vertrag bedeuten.

Der Jugendforscher Mathias Albert warnt davor, dass ein Teil der Generation Z beruflich zwischen die Zeiten geraten könnte. Besonders betroffen wären nicht unbedingt jene, die ohnehin schlechte Startchancen haben, sondern junge Menschen mit genau jener Ausbildung, die jahrzehntelang als Versicherung gegen sozialen Abstieg galt. Informatik, Jura, Wissensarbeit. Plötzlich sind Tätigkeiten automatisierbar, für die man vorher mehrere Jahre an einer Universität verbracht hat. Der Klempner kann derweil relativ gelassen bleiben. ChatGPT repariert noch keinen Wasserhahn.

Albert spricht deshalb sogar von der Gefahr einer „lost generation“. Gleichzeitig macht er selbst die entscheidende Einschränkung: Niemand weiß bislang, wie stark KI den Arbeitsmarkt tatsächlich verändern wird. Von einer ganzen verlorenen Generation kann also noch keine Rede sein. Das Etikett ist schon gedruckt, während das Problem erst vermessen wird.

Genau deshalb ist der Begriff umstritten. Noch 2024 beschrieb Albert junge Menschen auf Grundlage der Shell-Jugendstudie als vergleichsweise pragmatisch und grundsätzlich optimistisch. Eine Generation lässt sich offenbar erstaunlich schnell verlieren. Manchmal genügt dafür ein technologischer Umbruch und eine griffige Überschrift.

Interessanter ist deshalb der zweite Teil seiner Warnung. Wenn gut ausgebildete junge Menschen tatsächlich erleben, dass ihr Abschluss nicht mehr in berufliche Sicherheit führt, wird daraus mehr als ein Arbeitsmarktproblem. Wer alles getan hat, was ihm empfohlen wurde, und anschließend trotzdem vor verschlossenen Türen steht, entwickelt womöglich irgendwann Zweifel am gesamten Gebäude. Albert sieht darin politischen Sprengstoff und ein mögliches Einfallstor für Radikalisierung.

Vielleicht wird die nächste Bildungsfrage deshalb nicht lauten, welches Studium die besten Zukunftschancen bietet.

Sondern wie lange eine Gesellschaft noch Zukunft versprechen kann, wenn sie den passenden Beruf dazu nicht mehr mitliefert.


Quellen:
▪︎ Handelsblatt: „Ich würde die Gen Z als ‚lost generation‘ bezeichnen“, September 2026
▪︎ Tagesspiegel: Apathie, Polarisierung und KI-Revolution, August 2026
▪︎ ZEIT ONLINE: Interview mit Mathias Albert zur Shell-Jugendstudie, Oktober 2024