Das Gehirn hat es trotzdem gesehen

Medienkompetenz war lange eine recht übersichtliche Angelegenheit. Quelle prüfen. Nicht jeden Unsinn glauben. Im Zweifel noch einmal nachsehen. Seit KI täuschend echte Bilder und Videos produzieren kann, kommt offenbar eine weitere Fähigkeit hinzu: Man muss wissen, dass etwas falsch ist, und anschließend sein eigenes Gehirn davon überzeugen.

Eine Anfang Januar 2026 veröffentlichte Studie von Simon Clark und Stephan Lewandowsky zeigt, dass genau das erstaunlich schlecht funktionieren kann. In drei vorab registrierten Experimenten mit insgesamt 673 Teilnehmern sahen Versuchspersonen Deepfake-Videos, in denen Menschen scheinbar eine Straftat oder einen moralischen Fehltritt eingestanden. Ein Teil bekam vorher ausdrücklich gesagt, dass das folgende Video gefälscht sei. Trotzdem beeinflusste dessen Inhalt anschließend die Einschätzung der dargestellten Person. Selbst bei Teilnehmern, die erklärten, den Warnhinweis geglaubt und das Video als Deepfake erkannt zu haben, blieb der Effekt messbar.

Im ersten Experiment war das besonders hübsch zu beobachten. 52 Teilnehmer wussten nach eigener Aussage, dass das Video gefälscht war. Trotzdem griffen 53,8 Prozent von ihnen bei ihrer Einschätzung der Schuld auf dessen Inhalt zurück. Der Faktencheck war also angekommen. Er hatte nur offenbar nicht überall Hausrecht.

Das macht einige unserer derzeitigen Antworten auf KI-Fälschungen ein wenig rührend. Wir entwickeln Wasserzeichen, Herkunftsnachweise und Warnhinweise und hoffen, dass irgendwo gut sichtbar „KI-generiert“ genügt. Sehr vernünftig. Nur ähnelt der Medienkonsument nach diesen Ergebnissen einem Menschen, der auf einer Flasche deutlich „Gift“ liest, sie nicht trinkt und anschließend trotzdem findet, der Nachgeschmack sei merkwürdig.

Natürlich bedeutet die Studie nicht, dass Warnhinweise nutzlos wären. Sie verringerten den Einfluss der Deepfakes durchaus. Die Autoren weisen außerdem selbst darauf hin, dass die Gestaltung der Experimente einen Teil des Effekts erklären könnte. Nur vollständig verschwand er eben nicht.

Medienkompetenz wird damit unangenehmer. Es reicht künftig womöglich nicht mehr, eine Lüge zu erkennen. Man muss sie erkennen und danach verhindern, dass sie im Kopf als kleine Restwahrheit weiterlebt.

Vielleicht brauchen wir deshalb irgendwann neben dem Warnhinweis noch einen digitalen Beipackzettel: Fälschung erkannt. Nebenwirkungen trotzdem möglich.


Quellen:
▪︎ Simon Clark, Stephan Lewandowsky: The continued influence of AI-generated deepfake videos despite transparency warnings, Communications Psychology, 2. Januar 2026
▪︎ PubMed: The continued influence of AI-generated deepfake videos despite transparency warnings