Selbstständigkeit klingt besonders frei, wenn ein Rechner entscheidet, ob man diesen Monat genug davon hat.
Für Creator, Fahrer, Lieferdienste und andere Plattformarbeiter hängt Einkommen längst nicht nur davon ab, ob sie ihre Arbeit gut machen. Entscheidend ist auch, ob ein System sie sieht. Wer empfohlen wird, bekommt Aufträge, Klicks oder Reichweite. Wer nicht empfohlen wird, darf immerhin rätseln, warum.
Das Problem daran ist weniger der Algorithmus selbst als seine Macht bei gleichzeitiger Verschwiegenheit. Forschende beschreiben Plattformarbeit seit Jahren als ein Arbeitsverhältnis mit einem unsichtbaren Vorgesetzten. Er verteilt Chancen, bewertet Leistung, setzt Anreize und kann Einkommen beeinflussen. Nur zum Mitarbeitergespräch erscheint er selten. Eine systematische Auswertung der Forschung zu algorithmischem Management kommt entsprechend zu dem Ergebnis, dass solche Systeme Autonomie einschränken und mit Unsicherheit, Stress und wahrgenommener Unfairness verbunden sein können.
Bei Creatorn kommt eine besonders elegante Variante hinzu. Sichtbarkeit ist ihre Währung, aber der Wechselkurs wird von der Plattform festgelegt. Die Medienforscherin Zoë Glatt beobachtete über mehrere Jahre Influencer in London und Los Angeles und beschreibt deren Arbeitsleben als geprägt von Unsicherheit, Stress und Burnout. Kleinere Creator seien besonders abhängig von algorithmischer Sichtbarkeit. Wer davon leben möchte, lernt deshalb schnell, Inhalte nicht nur für Menschen zu produzieren, sondern auch für ein System, dessen Vorlieben man hauptsächlich aus Gerüchten, Statistiken und vergangenen Abstrafungen kennt.
So entsteht eine merkwürdige Form von Freiheit. Niemand schreibt vor, wann man arbeiten muss. Man veröffentlicht nur besser regelmäßig, im passenden Format, zur passenden Zeit, mit der passenden Länge und möglichst so, dass der Algorithmus nicht plötzlich das Interesse verliert. Sonst ist man vollkommen unabhängig.
Dass diese Intransparenz Folgen hat, zeigen auch neuere Untersuchungen. Plattformarbeiter versuchen ständig herauszufinden, was das System von ihnen erwartet, passen ihr Verhalten daran an und erleben algorithmische Kontrolle als Belastung. Forschende sprechen inzwischen ganz selbstverständlich von „algorithmischem Management“. Das klingt deutlich freundlicher als „Chef, den niemand kennt und niemand fragen kann“.
Die eigentliche Machtverschiebung beginnt deshalb dort, wo Reichweite nicht mehr nur Aufmerksamkeit bedeutet, sondern Miete.
Dann entscheidet der Algorithmus nicht darüber, ob ein Beitrag gut läuft. Sondern darüber, wie lange man sich einen schlechten Monat leisten kann.
Quellen:
▪︎ Zoë Glatt: “We’re All Told Not to Put Our Eggs in One Basket”: Uncertainty, Precarity and Cross-Platform Labor in the Online Video Influencer Industry, International Journal of Communication, 2022
▪︎ Ji Xu, Gerald Grant: Algorithmic Management and Workers’ Responses: A Systematic Review and Thematic Analysis, Academy of Management Proceedings, 2025
▪︎ Carsten Röttgen et al.: Algorithmic management: psychological measurement and associations with work design and mental strain, BMC Psychology, 2025