Russland übt noch Obenbleiben

Russland bekommt sein eigenes Starlink. Zumindest ist das der Plan. Das Satellitennetz Rassvet soll schnelles Internet aus dem niedrigen Erdorbit liefern, unabhängig von amerikanischer Technik und irgendwann mit Hunderten Satelliten rund um den Globus. Die ersten 32 Exemplare sind inzwischen gestartet. Der Weltraum zeigt sich von der strategischen Unabhängigkeit bislang allerdings wenig beeindruckt.

Schon beim ersten Schwung von 16 Satelliten im März gab es Probleme. Einer schaffte kein einziges Bahnmanöver und verglühte Anfang Juni wieder in der Atmosphäre. Nur zwölf Satelliten erreichten brauchbare Höhen. Beim zweiten Paket sieht es nicht wesentlich majestätischer aus. Nach öffentlich verfügbaren Bahndaten blieb ein erheblicher Teil deutlich unter der vorgesehenen Einsatzhöhe. Einige Satelliten bewegen sich nur wenige Hundert Kilometer über der Erde, wo der Luftwiderstand stärker ist und entsprechend häufiger nachgesteuert werden muss. Wer dort nicht nach oben kommt, kommt irgendwann nach unten.

Das wäre bei einem gewöhnlichen Erprobungsprogramm noch keine Staatsaffäre. Rassvet soll aber deutlich mehr sein. Bureau 1440 will bereits 2027 einen kommerziellen Dienst anbieten und dafür ungefähr 250 Satelliten betreiben. Langfristig stehen mehr als 900 auf dem Plan. Russland braucht das System nicht nur für abgelegene Regionen und zivile Kommunikation. Der Zugang zu satellitengestütztem Internet ist durch den Krieg gegen die Ukraine zu einer strategischen Frage geworden.

Genau deshalb sollte man die bisherigen Probleme weder dramatisieren noch belächeln. Russland besitzt Raumfahrterfahrung, eine eigene Startinfrastruktur und genügend politische Gründe, das Projekt weiterzutreiben. Aber zwischen dem Start einiger Satelliten und einem zuverlässigen Gegenstück zu Starlink liegen industrielle Serienfertigung, funktionierende Technik und eine enorme Startfrequenz.

Rassvet heißt übersetzt ungefähr Morgendämmerung. Im Moment sind es eher die Sekunden davor, in denen man noch nicht genau weiß, ob gleich die Sonne aufgeht oder einfach nur drei weitere Satelliten vom Himmel fallen.


Quellen:
▪︎ Ars Technica, Berichte zur Entwicklung und zu den Bahnproblemen der Rassvet-Konstellation
▪︎ TechSpot, 3. September 2026, Bericht zu den nicht erreichten Einsatzbahnen der Rassvet-Satelliten
▪︎ Kyiv Post, 5. Juni 2026, Angaben zum geplanten kommerziellen Start und Ausbau von Rassvet