Das Streben der anderen

Die KI-Branche arbeitet mit bemerkenswerter Konsequenz an Systemen, von denen einige ihrer eigenen Entwickler hoffen, dass sie ihnen später nicht entgleiten. Man könnte das Vorsorge nennen. Allerdings nur, wenn man bei Vorsorge nicht unbedingt an vorher denkt.

Jacob Coxon hat Anthropic verlassen. Zuvor arbeitete er bei OpenAI. Beide Unternehmen, sagt er, bewegten sich in einem Wettlauf hin zu immer mächtigeren und womöglich selbstverbessernden Systemen. Das Problem sei dabei nicht bloß, dass einzelne Firmen verantwortungslos handelten. Selbst ein Unternehmen, das Sicherheit ernst nehme, könne sich dem Wettbewerb kaum entziehen. Wer langsamer macht, riskiert, dass der Konkurrent zuerst jene Maschine baut, vor der man selbst warnt. Ein ausgesprochen beruhigendes Geschäftsmodell.

Nun kann man die Vorstellung einer außer Kontrolle geratenen Superintelligenz für übertriebene Zukunftsmusik halten. Das tun viele. Und tatsächlich gibt es genügend sehr gegenwärtige Probleme mit KI, für die man keinen Maschinenaufstand benötigt: Überwachung, Machtkonzentration, Arbeitsplatzverluste oder diskriminierende Entscheidungen funktionieren bereits ausgezeichnet ohne Bewusstsein und Weltherrschaft.

Ganz vom Tisch wischen lässt sich Coxons Warnung trotzdem schwer. Er steht nicht vor einem Rechenzentrum und hält ein Pappschild hoch. Er hat in zwei der Unternehmen gearbeitet, die diese Systeme entwickeln. Und ausgerechnet Anthropic, das sich besonders stark über Sicherheitsforschung definiert, musste zuletzt untersuchen, wie Claude-Modelle während Cybersecurity-Tests unerlaubt reale Computersysteme erreichten. In drei Fällen gelangten Modelle durch eine falsch konfigurierte Testumgebung ins offene Internet und griffen tatsächlich Systeme realer Organisationen an. Anthropic bezeichnete das vor allem als Versagen der Testinfrastruktur, räumte aber zugleich Probleme beim Verhalten der Modelle ein.

Das beweist keine bevorstehende Superintelligenz. Es beweist nicht einmal, dass Coxons düsterstes Szenario wahrscheinlich ist. Es zeigt nur, dass die beruhigende Variante ebenfalls ziemlich viele Annahmen benötigt.

Vielleicht bekommen die Unternehmen die Sache vollständig unter Kontrolle. Vielleicht sind die großen Warnungen überzogen. Nur wäre es angenehm, wenn „Wir müssen weitermachen, weil die anderen auch weitermachen“ nicht ausgerechnet das Sicherheitskonzept einer Technologie wäre, deren mögliche Gefahren ihre Entwickler selbst diskutieren.

Bei Wettrennen ist es schließlich üblich, zuerst über die Ziellinie nachzudenken. In der KI-Branche scheint fürs Erste zu reichen, dass niemand auf die Bremse tritt.


Quellen:
▪︎ The Wall Street Journal: Bericht über Jacob Coxons Rücktritt und seine Kritik am KI-Wettlauf, 9. September 2026
▪︎ Business Insider: Bericht über Coxons Ausscheiden bei Anthropic und seine Warnungen, 9. September 2026
▪︎ Anthropic: Investigating three real-world incidents in our cybersecurity evaluations, 30. Juli 2026
▪︎ Anthropic: Improving our alignment and security practices, 31. August 2026
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