Der neue Kollege kommt nicht zu spät, braucht keinen Urlaub und beschwert sich auch nicht darüber, dass schon wieder jemand die Kaffeemaschine nicht entkalkt hat. Dafür benötigt er Zugriffsrechte auf halbe Unternehmenssysteme und gelegentlich jemanden, der kontrolliert, ob er gerade Unsinn erledigt. Willkommen im Zeitalter der KI-Agenten.
Aus dem Chatbot, dem man eine Frage stellt und auf dessen Antwort man wartet, soll zunehmend ein digitaler Mitarbeiter werden. Solche Agenten können selbstständig mehrstufige Aufgaben abarbeiten, Informationen aus verschiedenen Anwendungen zusammensuchen, Dokumente bearbeiten, Supportfälle sortieren, Berichte erstellen oder Nachrichten verschicken. OpenAI bietet inzwischen Workspace-Agenten an, die innerhalb von Unternehmen wiederkehrende Arbeitsabläufe übernehmen und sogar nach Zeitplan tätig werden können. Der digitale Kollege muss also nicht einmal mehr daran erinnert werden, dass Montag ist.
Damit beginnt sich etwas Grundsätzliches zu verschieben. Software war bisher meistens Werkzeug. Ein Mensch klickte, entschied und führte aus. Agenten sollen dagegen Aufträge erhalten und anschließend selbst herausfinden, welche Schritte dafür notwendig sind. Damit sitzen sie zumindest organisatorisch plötzlich erstaunlich nahe am Schreibtisch.
Nur funktioniert der neue Mitarbeiter noch nicht ganz so zuverlässig, wie seine Stellenbeschreibung vermuten lässt. Microsoft Research stellte bei Tests fest, dass führende Agentensysteme unter gleichzeitiger Belastung mit mehreren Aufgaben deutlich schlechter abschneiden. In einem Versuchsaufbau sank die Erfolgsquote von 16,7 auf 8,7 Prozent. Der Kollege arbeitet also unermüdlich. Das bedeutet noch nicht, dass er alles erledigt.
Noch unangenehmer wird es bei der Frage, was ein Agent eigentlich darf. Wer Dokumente lesen, Nachrichten verschicken und Datensätze verändern kann, braucht Identität, Zugriffsrechte, Kontrolle und jemanden, der im Zweifel verantwortlich ist. Gartner warnt deshalb vor einer wachsenden Zahl kaum kontrollierter Agenten und erwartet, dass Unternehmen autonome Systeme wegen solcher Governance-Probleme wieder zurückstufen oder abschalten werden.
Deshalb bauen selbst die Anbieter menschliche Freigaben, Protokolle und Berechtigungsgrenzen ein.
Der Kollege ohne Feierabend ist also tatsächlich unterwegs. Nur sollte man ihm vorerst weder den Generalschlüssel noch das Passwort für die Buchhaltung geben.
Quellen:
▪︎ Microsoft Research: CORPGEN advances AI agents for real work, 26. Februar 2026
▪︎ OpenAI: Workspace-Agenten für Unternehmen, 2026
▪︎ Gartner: Applying Uniform Governance Across AI Agents Will Lead to Enterprise AI Agent Failure, 26. Mai 2026
▪︎ Gartner: Rethinking AI Agents Beyond Digital Labor, 24. Juli 2026