In den USA wird am 3. November gewählt. Bis dahin haben die Kandidaten noch Gelegenheit, ihre politischen Programme vorzustellen, ihre Gegner anzugreifen und öffentlich zu dementieren, dass sie Dinge getan haben, die nie stattgefunden haben. Letzteres entwickelt sich offenbar zu einer eigenständigen Wahlkampfdisziplin.
Der demokratische Senatskandidat James Talarico aus Texas fehlte Anfang Oktober mehrere Tage bei öffentlichen Auftritten. Der Grund war eine Grippe. Im Internet entstand daraus eine angebliche psychiatrische Behandlung in Ohio. Ein verbreiteter Telefonmitschnitt sollte die Geschichte belegen. Die betroffene Klinik widersprach ausdrücklich. Talarico war nachweislich zu Hause in Texas. Trotzdem wanderte die Geschichte durch soziale Netzwerke, wurde ins Spanische übertragen und um die frei erfundene Behauptung eines Suizidversuchs erweitert.
Auch die demokratische Kongresskandidatin Janelle Stelson aus Pennsylvania wurde Ziel einer Falschbehauptung. Angeblich habe ihre Kampagne eine Person ohne legalen Aufenthaltsstatus beschäftigt. Wahlkampfunterlagen widersprachen dem Vorwurf. Das hinderte einen Vertreter des amerikanischen Heimatschutzministeriums nicht daran, die Behauptung weiterzuverbreiten. Eine bemerkenswerte Arbeitsteilung: Die einen erfinden, die anderen verleihen dem Ganzen amtliche Aufmerksamkeit.
Eine Recherche des Guardian vom 27. Oktober zeigt, wie künstliche Intelligenz solche Desinformationskampagnen erleichtert. Inhalte lassen sich billig produzieren, verändern und für unterschiedliche Zielgruppen aufbereiten. Nicht jede dieser Lügen wurde allerdings von einer KI erfunden. Häufig genügt ein gewöhnliches Gerücht, das anschließend digital vervielfältigt wird. Die Technik übernimmt die Fließbandarbeit.
Besonders bequem ist die Situation für große Plattformen. Meta, YouTube und X besitzen weiterhin Regeln gegen bestimmte Formen politischer Täuschung. Gleichzeitig wurden Maßnahmen zur Inhaltskontrolle verändert oder zurückgefahren. Dass Empfehlungssysteme zweifelhafte Behauptungen zusätzlich verbreiten können, macht die Angelegenheit nicht vertrauenswürdiger.
Die eigentliche Schwierigkeit liegt im unterschiedlichen Tempo. Eine Falschmeldung benötigt wenige Sekunden zur Veröffentlichung. Ihre Widerlegung verlangt Recherche, Belege und Aufmerksamkeit. Während Faktenprüfer noch untersuchen, ob die erste Geschichte stimmt, kursiert bereits die dritte Variante.
Amerikanische Wähler sollen in wenigen Tagen über die politische Zukunft ihres Landes entscheiden. Zuvor müssen sie allerdings klären, welche Ereignisse der jüngsten Vergangenheit überhaupt stattgefunden haben.
Die Demokratie verlangt informierte Bürger. Die digitale Öffentlichkeit liefert ihnen inzwischen vorsorglich mehrere Wirklichkeiten zur Auswahl.
Quellen:
▪︎ The Guardian, 27. Oktober 2026
▪︎ Associated Press, Faktenprüfung zu James Talarico, 12./16. Oktober 2026
▪︎ FactCheck.org, 13. Oktober 2026
▪︎ Digital Democracy Institute of the Americas, 14. Oktober 2026