Der Algorithmus übernimmt

Das amerikanische Fernsehen hat ein Problem. Die Zuschauer informieren sich zunehmend anderswo. Ausgerechnet dort, wo zwischen einer politischen Krise, einem Katzenvideo und der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel oft nur eine Fingerbewegung liegt.

Das Pew Research Center hat am 19. Oktober 2026 neue Zahlen zur Nachrichtennutzung in den USA veröffentlicht. Während 2025 noch 34 Prozent der Erwachsenen das Fernsehen als bevorzugte Nachrichtenquelle nannten, waren es 2026 nur noch 28 Prozent. Soziale Netzwerke legten im gleichen Zeitraum von 14 auf 19 Prozent zu. Befragt wurde Ende August. Das Fernsehen ist keineswegs verschwunden. Immerhin 63 Prozent nutzen es zumindest gelegentlich für Nachrichten.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle einzelner Plattformen. 40 Prozent der amerikanischen Erwachsenen informieren sich regelmäßig über Facebook, 34 Prozent über YouTube. Instagram erreicht 23 Prozent, TikTok 20 Prozent. Die klassische Nachrichtensendung bekommt damit Konkurrenz von Menschen, die ihre Informationen zwischen Kochrezepten, Urlaubsvideos und persönlichen Lebensweisheiten präsentieren.

Das wäre noch kein Problem, wenn sich mit dem Verbreitungsweg lediglich das Empfangsgerät ändern würde. Tatsächlich verschieben sich aber die Machtverhältnisse. Früher entschieden Redaktionen, welche Ereignisse eine Nachricht wert waren. Heute übernehmen zunehmend Plattformen die Auswahl dessen, was beim Publikum ankommt. Journalistische Kriterien konkurrieren dabei mit Aufmerksamkeit, Interaktion und den wirtschaftlichen Interessen der Plattformbetreiber.

Natürlich waren auch klassische Medien nie frei von Interessen, Fehlern oder fragwürdigen Entscheidungen. Der Unterschied besteht darin, dass sich eine Redaktion zumindest benennen und für ihre Entscheidungen kritisieren lässt. Einen Empfehlungsalgorithmus kann man schlecht zur Verantwortung ziehen. Er verweist auch nicht auf seinen Chefredakteur.

Gleichzeitig eröffnen soziale Netzwerke neue Möglichkeiten. Informationen verbreiten sich schnell, unabhängige Stimmen erreichen ein Publikum und Ereignisse können sichtbar werden, die traditionelle Medien zunächst übersehen. Reichweite ist allerdings noch kein Qualitätsnachweis. Ein sorgfältig recherchierter Bericht kann neben einer frei erfundenen Behauptung stehen. Welche Darstellung häufiger erscheint, hängt nicht zwangsläufig von ihrem Wahrheitsgehalt ab.

Die amerikanischen Zahlen zeigen deshalb mehr als den Bedeutungsverlust eines alten Mediums. Sie dokumentieren eine Verschiebung der Kontrolle über öffentliche Aufmerksamkeit. Nachrichten werden weiterhin produziert, geprüft und veröffentlicht. Doch zunehmend entscheidet eine technische Auswahl darüber, wer sie überhaupt zu Gesicht bekommt.

Früher konnte man über die Nachrichtenauswahl der Redaktion schimpfen. Heute erledigt das ein Algorithmus. Der nimmt die Kritik immerhin nicht persönlich.


Quellen:
▪︎ Pew Research Center, News Platform Fact Sheet, 19. Oktober 2026
▪︎ Pew Research Center, Social Media and News Fact Sheet, 19. Oktober 2026
▪︎ Pew Research Center, The Briefing: Where Americans Are Getting Their News in the Digital Age, 22. Oktober 2026