Das klassische Fernsehen hat einen neuen Weg gefunden, mit seinen alten Programmen Geld zu verdienen. Es stellt sie ins Internet. Was zunächst nach einer verspäteten Erkenntnis klingt, entwickelt sich für RTL Deutschland offenbar zu einem einträglichen Geschäftsmodell. Ausgerechnet YouTube, lange als Konkurrent um Zuschauer und Werbegelder betrachtet, liefert inzwischen zusätzliche Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich.
Auf der Fernsehmesse MIPCOM in Cannes präsentierten RTL-Deutschland-Chef Stephan Schmitter und YouTubes Europachef Pedro Pina ihre Zusammenarbeit. Vor drei Jahren existierte nach Schmitters Angaben praktisch keine direkte Geschäftsbeziehung. Heute nutzt RTL die Plattform, um neue Zielgruppen zu erreichen und vorhandene Inhalte erneut zu vermarkten. Rund 200 ältere Folgen von Alarm für Cobra 11 erzielten innerhalb eines Jahres etwa 30 Millionen Aufrufe. Das Publikum war durchschnittlich 30 Jahre alt und zu 83 Prozent männlich. Die Autobahnpolizei hat damit offenbar eine digitale Nachwuchsförderung entdeckt.
Bemerkenswert ist weniger der wirtschaftliche Erfolg als die neue Freundschaft zwischen zwei Unternehmen, die sich gleichzeitig Konkurrenz machen. Während Werbegelder vom klassischen Fernsehen zu digitalen Plattformen wandern, nutzt RTL genau diese Plattformen, um verlorene Reichweite zurückzugewinnen. Im ersten Halbjahr 2026 sank der TV-Werbeumsatz der RTL Group um vier Prozent, während die digitalen Werbeerlöse um 10,9 Prozent stiegen. Die Entwicklung lässt sich offenbar besser nutzen als verhindern.
Die Partnerschaft verfolgt allerdings ein weiteres Ziel. YouTube soll Zuschauer möglichst zu den kostenpflichtigen Angeboten RTL+ und Sky führen. Die kostenlose Unterhaltung dient damit auch als Schaufenster für das nächste Abonnement. Wie die Einnahmen zwischen RTL und YouTube im Einzelnen verteilt werden, bleibt öffentlich unklar.
Für unabhängige Creator verändert sich damit der Wettbewerb. Sie konkurrieren nicht mehr ausschließlich mit anderen Einzelpersonen, sondern zunehmend mit Medienkonzernen, die jahrzehntelang produzierte Inhalte, professionelle Vermarktung und umfangreiche Archive mitbringen. Während kleinere Anbieter ihre Reichweite mühsam aufbauen müssen, kann RTL einfach das Lager öffnen.
YouTube gewinnt zusätzliche professionelle Inhalte, RTL erschließt neue Einnahmequellen und das Publikum bekommt alte Fernsehserien auf einer neuen Plattform. Wirtschaftlich ist das durchaus vernünftig. Nur die romantische Vorstellung vom Internet als unabhängigem Gegenentwurf zum traditionellen Fernsehen bekommt einen weiteren Kratzer. Am Ende gehört die digitale Bühne zunehmend denselben großen Unternehmen, die schon das alte Programm bestimmt haben.
Quellen:
▪︎ DWDL.de, RTL Deutschland & YouTube: Neue Bromance zweier Frenemys, 12. Oktober 2026
▪︎ RTL Group, Halbjahresergebnisse 2026, 11. August 2026