Spionage mit Wischfunktion

Früher brauchte Spionage wenigstens noch etwas Ausstattung. Einen Trenchcoat, eine schlecht beleuchtete Hotelbar und möglichst jemanden, der einen Umschlag unauffällig unter einer Zeitung verschwinden ließ. Heute reicht offenbar Tinder. Der technische Fortschritt hat eben auch vor der Kontaktanbahnung im Nachrichtendienst nicht haltgemacht.

Ein hochrangiger spanischer Marineoffizier lernte dort im Oktober 2024 Janina White kennen, eine in der Sowjetunion geborene britisch-polnische Doppelstaatsbürgerin. Der Mann arbeitete damals beim Allied Maritime Command der NATO im britischen Northwood, also ausgerechnet dort, wo unter anderem russische Marineaktivitäten und die sogenannte Schattenflotte beobachtet werden. Aus dem digitalen Kennenlernen wurde schnell eine Beziehung. White zog nach kurzer Zeit bei ihm ein und besuchte im Dezember 2024 mit einem Tagesausweis eine Veranstaltung auf dem Militärgelände.

Irgendwann fanden Sicherheitsstellen die Kombination offenbar weniger romantisch. NATO und spanische Behörden leiteten Untersuchungen ein. Spanien setzte schließlich die Sicherheitsfreigabe des Offiziers aus, sein Einsatz in Northwood endete im Sommer 2025.

Das klingt spektakulär, ist im Kern aber erstaunlich altmodisch. Menschen mit Zugang zu interessanten Informationen über persönliche Beziehungen anzusprechen, gehört ungefähr so lange zum Spionagegeschäft wie das anschließende Abstreiten. Neu ist höchstens, dass für die erste Kontaktaufnahme kein Empfang, keine Cocktailparty und kein zufälliges Treffen mehr organisiert werden müssen. Ein Algorithmus erledigt die Vorauswahl und fragt nebenbei noch nach Hobbys.

Entscheidend ist deshalb auch, was bisher nicht bewiesen ist. White bestreitet ausdrücklich, für Russland spioniert zu haben, und geht juristisch gegen die Behandlung durch britische Behörden vor. Eine öffentlich belegte Feststellung, dass sie tatsächlich Agentin eines russischen Dienstes war, gibt es bislang nicht. Verdacht ist kein Beweis, auch wenn Herkunft und Tinder im selben Absatz eine ausgezeichnete Schlagzeile ergeben.

Interessant bleibt der Fall trotzdem. Nicht weil Geheimdienste plötzlich Dating-Apps entdeckt hätten, sondern weil digitale Plattformen eine uralte menschliche Schwachstelle effizienter zugänglich machen: Vertrauen. Die Technik hat die Spionage also möglicherweise gar nicht revolutioniert. Sie hat ihr lediglich eine Wischfunktion verpasst.


Quellen:
▪︎ Der Spiegel
▪︎ The Telegraph
▪︎ El País
▪︎ LBC