Influencer haben lange davon gelebt, dass ihre Person das Produkt ist. Gesicht, Stimme, Alltag, Küchentisch und möglichst noch der Hund gehören zum Geschäftsmodell. Nun zeigt sich der kleine Konstruktionsfehler: Was öffentlich genug ist, lässt sich inzwischen auch hervorragend nachbauen.
Die Lifestyle-Creatorin Emily Schuman entdeckte mehrere Werbeanzeigen mit ihrem eigenen Gesicht, obwohl sie für die beworbenen Unternehmen nie gearbeitet hatte. In einer manipulierten Instagram-Anzeige schien sie für das Telemedizinunternehmen Gala zu werben, das unter anderem GLP-1-Präparate anbietet. Eine andere Version von ihr machte Werbung für Meroda Cosmetics, weitere künstlich erzeugte Bilder tauchten im Zusammenhang mit dem Bluttestanbieter Superpower auf. Ausgangsmaterial gab es reichlich. Wer jahrelang Bilder von sich veröffentlicht, liefert der Maschine schließlich keinen schlechten Grundstock.
Für Influencer ist das mehr als gewöhnlicher Bilderklau. Ein kopiertes Firmenlogo ist eine Markenverletzung. Ein kopierter Mensch ist inzwischen eine komplette Werbekampagne. Gesicht vorhanden, Glaubwürdigkeit ausgeliehen, Zustimmung entbehrlich. Besonders praktisch ist, dass das digitale Ebenbild weder Honorar verlangt noch nachfragt, was es da eigentlich in die Kamera hält.
Die Plattformen kennen das Problem durchaus. Meta spricht selbst von sogenanntem Celeb Bait und geht gegen betrügerische Werbetreibende vor, die bekannte Personen oder Marken imitieren. Auch andere Plattformen haben Regeln gegen Identitätsmissbrauch und nicht autorisierte KI-Kopien. Das Problem beginnt also nicht bei fehlenden Regeln, sondern dort, wo eine Fälschung bereits ausgespielt wurde, bevor jemand sie findet und meldet.
Damit verändert sich auch die merkwürdige Ökonomie des Influencertums. Früher musste eine Firma einen Menschen dafür bezahlen, glaubwürdig ein Produkt hochzuhalten. Heute reicht unter Umständen dessen öffentliches Bildarchiv. Die Person bleibt wertvoll. Nur ihre Zustimmung wird technisch zunehmend als verzichtbarer Luxus behandelt.
Vielleicht ist das die konsequenteste Form des Influencer-Marketings: Der Influencer ist noch da. Man braucht ihn nur nicht mehr.
Quellen:
▪︎ The Guardian, „Deepfakes are wrecking influencers‘ credibility, one fake ad at a time“, 12. September 2026
▪︎ Meta Newsroom, „Meta Takes Legal Action Against Scam Advertisers“, 26. Februar 2026
▪︎ YouTube-Hilfe, Richtlinie zu Identitätsdiebstahl und KI-generierten Nachahmungen