Der Weltraum galt einmal als Ort, an dem die Menschheit gemeinsam nach den Sternen greift. Inzwischen greift man dort lieber nach den Satelliten der anderen.
Die USA und China entwickeln Fähigkeiten, die offiziell sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen können und sich im Ernstfall erstaunlich ähnlich sehen. Manövrierfähige Satelliten können andere Raumfahrzeuge inspizieren, warten oder betanken. Sie können sich ihnen aber auch nähern, sie verfolgen und möglicherweise manipulieren. Raumgleiter testen neue Technologien. Störsender können Kommunikation unterbrechen, Laser Sensoren beeinträchtigen. Das Praktische am sogenannten Dual Use ist, dass zwischen Werkzeug und Waffe manchmal nur noch die Absicht des Besitzers liegt.
Reuters berichtete Anfang September über chinesische und amerikanische Programme, die genau diese Grenze zunehmend verwischen. China demonstriert Rendezvous-Manöver und Technologien zur Betankung im Orbit. Die USA entwickeln ihrerseits Fähigkeiten für beweglichere militärische Satelliten und haben gemeinsam mit Großbritannien Annäherungsoperationen in der Nähe eines mutmaßlichen chinesischen Aufklärungssatelliten durchgeführt. Gleichzeitig verfügen beide Seiten über weitere Mittel, mit denen gegnerische Systeme gestört oder ausgeschaltet werden könnten.
Das bedeutet nicht, dass morgen der erste Satellit abgeschossen wird. Noch weniger bedeutet es, dass jede Reparaturmission heimlich eine Weltraumwaffe ist. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Die Secure World Foundation dokumentiert jedoch bei inzwischen 13 Staaten Fähigkeiten für elektronische Störung, gerichtete Energie, Cyberangriffe, direkte Anti-Satelliten-Systeme und sogenannte koorbitale Operationen. Der Werkzeugkasten wird also voller, auch wenn ihn noch niemand offiziell „Krieg im All“ nennen möchte.
Das eigentliche Problem ist ohnehin größer als ein spektakulärer Abschuss. Moderne Streitkräfte hängen von Satelliten für Kommunikation, Navigation, Aufklärung und Frühwarnung ab. Wer diese Systeme stört, trifft nicht irgendein Stück Metall über der Erde, sondern einen Teil der militärischen Infrastruktur darunter.
Der nächste Krieg muss deshalb nicht im Weltraum beginnen. Es reicht, wenn er dort weitergeht.
Quellen:
▪︎ Reuters: „US, China arm for space warfare: hunter satellites and orbital weapons“, 2. September 2026
▪︎ Secure World Foundation: „2026 Global Counterspace Capabilities Report“, 8. April 2026
▪︎ Secure World Foundation: „Chinese Military and Intelligence Rendezvous and Proximity Operations Fact Sheet“, 12. Juni 2026