Die Angst vor der leeren Fläche

Ein Text im Internet darf heute nur noch selten einfach ein Text sein. Er braucht ein großes Bild darüber, möglichst noch ein Symbolbild darunter, ein paar Icons dazwischen, ein hervorgehobenes Zitat, vielleicht ein Video und zur Sicherheit noch eine Infobox. Sonst könnte am Ende jemand auf die Idee kommen, tatsächlich lesen zu müssen.

Dabei ist keineswegs sicher, dass all diese optische Fürsorge hilft. Untersuchungen von Alexandre Tuch und Kollegen zeigen, dass Menschen die visuelle Komplexität einer Website bereits innerhalb von 17 bis 50 Millisekunden wahrnehmen und in ihr ästhetisches Urteil einbeziehen. Seiten mit geringer visueller Komplexität und vertrautem Aufbau wurden dabei besonders positiv bewertet.

Noch unangenehmer wird es für die Dekorationsabteilung, wenn man sich anschaut, was Bilder neben Text tatsächlich bewirken können. Christian Scharinger vom Leibniz-Institut für Wissensmedien untersuchte 2024 mit EEG und Eye-Tracking dekorative Bilder, die für die eigentliche Aufgabe nicht notwendig waren. Das Ergebnis war hübsch eindeutig: Die Bilder erhöhten die gemessene kognitive Belastung, verbesserten aber weder Lernerfolg noch Arbeitsgedächtnisleistung.

Das passt zum sogenannten Coherence Principle des Psychologen Richard E. Mayer. Menschen lernen demnach besser, wenn überflüssiges Material weggelassen wird. In einer von Mayer und Logan Fiorella zusammengefassten Forschungsreihe wurde dieser Effekt in 23 von 23 experimentellen Tests gefunden. Zusätzliche Information ist eben nicht automatisch zusätzliche Erkenntnis. Manchmal ist sie nur zusätzliche Beschäftigung.

Natürlich folgt daraus nicht, dass Bilder aus dem Internet verschwinden sollten. Eine gute Grafik kann etwas zeigen, das sich mit Worten nur umständlich erklären ließe. Problematisch wird es dort, wo Gestaltung nichts mehr erklärt, sondern nur noch versichert, dass hier gerade etwas erklärt wird.

Vielleicht besteht moderner Webkomfort deshalb zunehmend darin, dem Leser möglichst wenig zuzutrauen. Jeder Gedanke bekommt Begleitschutz aus Bildern, Kästen und Symbolen.

Dabei wäre die radikalere Idee erstaunlich einfach: den Begleitschutz in den Urlaub schicken und den Gedanken stehen lassen.


Quellen:
▪︎ Alexandre N. Tuch et al.: The role of visual complexity and prototypicality regarding first impression of websites, International Journal of Human-Computer Studies
▪︎ Christian Scharinger: Task-irrelevant decorative pictures increase cognitive load during text processing, Psychological Research, 2024
▪︎ Richard E. Mayer und Logan Fiorella: Principles for Reducing Extraneous Processing in Multimedia Learning, Cambridge Handbook of Multimedia Learning