KI frisst Journalismus

Die Sache ist angenehm modern: Zeitungen bezahlen Reporter, Redakteure, Korrespondenten und Fotografen. KI-Unternehmen nehmen die Ergebnisse, trainieren damit ihre Systeme und verkaufen anschließend Antworten, für die der Leser die Zeitung womöglich gar nicht mehr besuchen muss. Effizienz kann sehr elegant aussehen, solange man nicht fragt, wer sie bezahlt.

Die Seattle Times und Newsday haben OpenAI und Microsoft deshalb Anfang September vor einem Bundesgericht in New York verklagt. Ihr Vorwurf: Die Unternehmen hätten journalistische Inhalte ohne Genehmigung kopiert, darunter auch Texte hinter Bezahlschranken, und für Systeme wie ChatGPT, Copilot und KI-Funktionen von Bing genutzt. Die Klage reiht sich in eine wachsende Zahl ähnlicher Verfahren ein. Der eigentliche Streit reicht längst weit über zwei Zeitungen hinaus.

OpenAI hält dagegen, dass das Training generativer KI unter das amerikanische Fair-Use-Prinzip falle. Die Nutzung sei transformativ und ersetze die ursprünglichen Werke nicht. Microsoft argumentiert in einem verwandten Verfahren zusätzlich, umfangreiche wörtliche Übernahmen seien in Millionen untersuchter Copilot-Chats äußerst selten gewesen. Das klingt zunächst beruhigend. Nur hängt die wirtschaftliche Bedrohung für Verlage nicht zwingend daran, ob ein Chatbot drei Absätze wortgleich ausspuckt. Es genügt bereits, wenn der Nutzer seine Antwort bekommt und anschließend keinen Grund mehr sieht, die Quelle aufzurufen.

Genau deshalb ist die Fair-Use-Frage so unangenehm. Ein System kann einen Text technisch stark verändern und wirtschaftlich trotzdem an seine Stelle treten. Die Verlage behaupten, dass genau das ihre Abonnements und Werbeeinnahmen gefährdet. OpenAI bestreitet wiederum, dass seine Modelle den Markt für die Originalwerke ersetzen. Entschieden ist dieser Konflikt noch lange nicht.

Die eigentliche Absurdität liegt woanders: Eine Technologie, die für ihre Qualität auf menschlich erzeugtes Wissen angewiesen ist, könnte wirtschaftlich genau jene Strukturen schwächen, die dieses Wissen produzieren.

Vielleicht ist das Fair Use. Vielleicht ist es auch nur ein sehr moderner Name für eine alte Idee: jemand anderes macht die Arbeit.


Quellen:
▪︎ Reuters: Seattle Times, Newsday sue OpenAI, Microsoft, alleging copyright infringement
▪︎ OpenAI: Reporting the facts about the New York Times’ lawsuit
▪︎ The Verge: Microsoft says virtually nobody was grabbing NYT articles through its chatbot