Politische Reden haben einen Vorteil: Sobald der Minister am Pult steht, gehören die Worte ihm. Jedenfalls offiziell. Wie sie vorher dorthin gekommen sind, möchte die Bundesregierung lieber nicht allzu genau erklären.
Auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion konnte sie jedenfalls nicht beziffern, wie oft Reden und Artikel von Mitgliedern der Bundesregierung teilweise oder vollständig mithilfe generativer KI entstanden sind. Dabei ist der Einsatz keineswegs exotisch. Die Bundesregierung bezeichnet KI selbst als reguläres Arbeitswerkzeug der Verwaltung. Das Digitalministerium erklärt sogar ziemlich offen, dass KI bei Reden Gedanken ordnen, Formulierungen prüfen, Texte kürzen und Strukturen verbessern darf. Danach prüft ein Mensch. Damit ist die Sache offenbar menschlich genug.
Interessant wird es erst, wenn jemand wissen möchte, wie viel davon tatsächlich geschieht. Schon bei der Regierungspressekonferenz im Juni wich Regierungssprecher Stefan Meyer der Frage aus, ob Redenschreiber des Kanzlers KI verwenden. Seine bemerkenswerte Antwort: Wenn der Bundeskanzler spreche, seien es die Worte des Bundeskanzlers. Das stimmt natürlich. Ein Schauspieler spricht schließlich auch seinen Text selbst.
Ghostwriter sind in der Politik nichts Neues. Nur ist eine generative KI eben nicht bloß eine Schreibkraft mit besonders schneller Tastatur. Sie kann Argumentationen entwickeln, Tonlagen nachahmen, Formulierungen vorschlagen und ganze Passagen erzeugen. Je stärker sie beteiligt ist, desto interessanter wird deshalb die Frage, welchen Anteil an einer Rede derjenige hatte, dessen Name anschließend daruntersteht.
Genau darüber wäre Transparenz hilfreich. Nicht weil Politiker künftig vor jedem Absatz „unter Mitwirkung von ChatGPT“ sagen müssten. Sondern weil eine politische Rede mehr sein soll als eine sauber formulierte Textproduktion. Sie soll Haltung, Gedanken und Sprache eines Menschen vermitteln.
Vielleicht erklärt das auch die Zurückhaltung. Wer zugibt, wie häufig Maschinen beim politischen Denken und Formulieren mithelfen, riskiert eine unangenehme Anschlussfrage: Wenn die KI den richtigen Ton findet, die Argumente sortiert und die Sätze schreibt, wofür genau brauchen wir dann dann noch einmal den Redner?
Quellen:
▪︎ Deutscher Bundestag: „Bundesverwaltung nutzt KI als unterstützendes Werkzeug“
▪︎ Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: „KI-Einsatz in Reden des Ministers“
▪︎ Bundesregierung: Regierungspressekonferenz vom 10. Juni 2026
▪︎ Süddeutsche Zeitung: „Bundesregierung legt KI-Einsatz bei Reden nicht offen“