Die Zukunft bleibt dreißig Jahre entfernt

Die Kernfusion hat einen beneidenswerten Vorteil gegenüber gewöhnlichen Kraftwerken: Sie muss bislang keinen Strom liefern, um als Energiequelle der Zukunft zu gelten. Seit Jahrzehnten reicht es, wenn sie kurz davorsteht. Meist ungefähr dreißig Jahre.

Ganz so einfach lässt sich der alte Witz inzwischen allerdings nicht mehr erzählen. 2022 gelang an der National Ignition Facility in den USA erstmals eine Fusionsreaktion, bei der mehr Energie freigesetzt wurde, als die Laser auf das Brennstoffkügelchen übertrugen. Im April 2025 waren es 8,6 Megajoule bei 2,08 Megajoule Laserenergie. Im Juni 2026 wurde die Zündung zum elften Mal erreicht. Das ist kein PR-Trick, sondern ein wissenschaftlicher Fortschritt.

Nur steht dort noch lange kein Kraftwerk. Die oft zitierte positive Energiebilanz bedeutet lediglich, dass im Brennstoff mehr Energie freigesetzt wurde, als ihn direkt erreichte. Der Stromverbrauch der riesigen Laseranlage ist dabei nicht eingerechnet.

Und selbst ein gelungenes Experiment ist noch weit von einem Kraftwerk entfernt, das rund um die Uhr zuverlässig Strom liefert. Dafür müssten unter anderem der Materialverschleiß beherrscht, genügend Tritium bereitgestellt, enorme Wärmemengen abgeführt und die Anlage wartbar gemacht werden. Am Ende bleibt außerdem die entscheidende Frage: Lässt sich damit überhaupt wirtschaftlich Strom erzeugen?

Auch beim magnetischen Einschluss bewegt sich etwas. Der private SPARC-Reaktor soll nach der aktuellen US-Fusionsstrategie innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre in Betrieb gehen und später erstmals bei dieser Technik einen deutlichen Fusionsenergiegewinn demonstrieren. Gleichzeitig formuliert das US-Energieministerium bereits das Ziel eines Pilotkraftwerks Mitte der 2030er-Jahre.

Und dann gibt es ITER, das monumentale internationale Mahnmal dafür, dass Physik gelegentlich schneller vorankommt als Großprojekte. Der Reaktor wird inzwischen zügig montiert, doch Deuterium-Tritium-Betrieb ist nach der aktuellen Planung erst für 2039 vorgesehen. Das ursprüngliche Versprechen hat sich also nicht erledigt. Es wurde nur ein Stück weiter in die Zukunft geschoben.

Diesmal könnte es tatsächlich anders sein. Die Fortschritte sind real, die Experimente besser und das private Kapital größer. Nur folgt daraus noch nicht, dass Kernfusion bald unser Stromproblem löst.

Die vernünftigste Haltung bleibt deshalb jene, die bei der Kernfusion seit Jahrzehnten erstaunlich gut funktioniert: staunen, weiterforschen und den Liefertermin besser mit Bleistift eintragen.


Quellen:
▪︎ Lawrence Livermore National Laboratory, National Ignition Facility
▪︎ ITER Organization, Baseline 2024 und Projektfortschritt
▪︎ U.S. Department of Energy, Fusion Science and Technology Roadmap 2026