Denken ist anstrengend. Praktischerweise gibt es inzwischen Maschinen, die einem einen beträchtlichen Teil davon abnehmen. Sie recherchieren, fassen zusammen, formulieren Argumente, schreiben Texte und erklären auf Wunsch auch noch, was man davon halten könnte. Das spart Zeit. Und möglicherweise irgendwann die Übung.
Genau hier beginnt das Problem. Forscher von Microsoft Research befragten 319 Wissensarbeiter zu 936 konkreten Fällen, in denen sie generative KI bei ihrer Arbeit eingesetzt hatten. Je größer das Vertrauen in die KI war, desto weniger kritisches Denken berichteten die Befragten. Die geistige Arbeit verschwand dabei nicht vollständig. Sie verlagerte sich vom eigenen Entwickeln einer Lösung hin zum Überprüfen und Zusammenfügen dessen, was die Maschine bereits geliefert hatte. Effizient ist das zweifellos. Ob man dabei dieselben Fähigkeiten trainiert, ist eine andere Frage.
Noch unangenehmer wurde es bei einem Experiment des MIT Media Lab. Teilnehmer schrieben Essays entweder allein, mit einer Suchmaschine oder mit einem Sprachmodell. In EEG-Messungen zeigte die Gruppe ohne Hilfsmittel die stärkste neuronale Vernetzung, die LLM-Gruppe die schwächste. Außerdem konnten sich KI-Nutzer schlechter an Formulierungen ihrer eigenen Texte erinnern. Allerdings war die Studie mit 54 Teilnehmern klein und auf eine bestimmte Schreibaufgabe beschränkt. Wer daraus bereits den Untergang des menschlichen Gehirns ableitet, hat also vermutlich wieder etwas zu früh aufgehört zu denken.
Das eigentliche Risiko ist weniger spektakulär. Fähigkeiten verschwinden nicht plötzlich, sie werden schlicht seltener benutzt. Wer Informationen nicht mehr selbst zusammensucht, Argumente nicht mehr entwickelt und Texte nicht mehr durchdenkt, trainiert genau diese Tätigkeiten weniger. Cognitive Offloading ist grundsätzlich nichts Neues und kann die unmittelbare Leistung sogar verbessern.
KI muss uns deshalb keineswegs dümmer machen. Sie kann erklären, widersprechen, Gegenargumente liefern und Denkfehler sichtbar machen. Dafür muss man sie allerdings entsprechend benutzen. Wer von ihr denken lässt und anschließend nur noch nickt, hat zwar einen hervorragenden Assistenten gewonnen. Die Frage ist nur, wer von beiden noch das Ergebnis überprüft.
Quellen:
▪︎ Microsoft Research: „The Impact of Generative AI on Critical Thinking“, CHI 2025
▪︎ MIT Media Lab: „Your Brain on ChatGPT“, 2025
▪︎ Burnett/Richmond: Meta-Analyse zu Cognitive Offloading, Memory & Cognition, 2026