Es gibt auf diesem Planeten tatsächlich noch Menschen, die nicht gefilmt werden möchten. Für die moderne Creator Economy ist das offenbar weniger ein Wunsch als eine Herausforderung.
Der US-Amerikaner Mykhailo Polyakov fuhr im März 2025 mit einem Schlauchboot nach North Sentinel Island, obwohl die indischen Behörden den Kontakt zu den dort lebenden Sentinelesen ausdrücklich verbieten. Er nahm eine GoPro mit, hinterließ eine Kokosnuss und eine Dose Diet Coke und versuchte, Bewohner auf sich aufmerksam zu machen. Danach wurde er festgenommen. Man könnte das für einen besonders missglückten Abenteuerurlaub halten. Leider passt es inzwischen in ein größeres Muster.
Auch in Südamerika zieht es Filmemacher, Abenteurer und Influencer immer näher an isoliert lebende indigene Gemeinschaften. Im paraguayischen Chaco etwa wird dem US-Amerikaner Nathan Seastrand vorgeworfen, nach unkontaktierten Ayoréo gesucht und Kamerafallen eingesetzt zu haben. Er weist Vorwürfe der Ausbeutung zurück. In Peru sorgten Aufnahmen der weitgehend isoliert lebenden Mashco Piro für enorme Aufmerksamkeit im Netz. Der weiße Fleck auf der Landkarte ist inzwischen offenbar vor allem eines: unerschlossener Content.
Dabei geht es nicht bloß um schlechten Geschmack. Die indische Regierung schützt North Sentinel Island samt eines fünf Kilometer breiten Küstenstreifens und verfolgt seit Jahren ausdrücklich eine Politik des Nichtkontakts. Einer der Gründe ist banal genug, um im Abenteuerfilm gerne unterzugehen: Menschen, die über lange Zeit isoliert gelebt haben, können gegenüber eingeschleppten Krankheiten besonders verwundbar sein.
Früher erschienen Fremde mit Bibel, Flagge oder Gewehr und erklärten anschließend, sie hätten unbekannte Welten entdeckt. Heute genügt eine Actionkamera und ein Instagram-Konto. Die Verpackung ist moderner geworden. Die Vorstellung dahinter erstaunlich wenig: Andere Menschen werden zur Kulisse für die eigene Geschichte.
Vielleicht besteht Fortschritt gelegentlich auch darin, einen Ort zu sehen, an dem noch niemand Content produziert hat, und ausnahmsweise nicht hinzugehen.
Quellen:
▪︎ The Guardian: „This is colonialism for clicks“, 5. September 2026
▪︎ Associated Press: Bericht über die Festnahme Mykhailo Polyakovs, April 2025
▪︎ Government of India, Ministry of Home Affairs: „Sentinelese Tribe“