Der Staat im digitalen schwarzen Loch

Berlin hat gerade gelernt, wie moderne Staatlichkeit funktioniert. Man erklärt, dass man sich nicht erpressen lässt, während die Erpresser bereits die Daten besitzen. Das klingt entschlossen. Es hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die entscheidende Schlacht war zu diesem Zeitpunkt längst verloren.

Die Ransomware-Gruppe Rhysida behauptet, 5,7 Terabyte aus dem Berliner Landesnetz gestohlen zu haben. Für die Daten verlangten die Täter 30 Bitcoin, rund zwei Millionen Euro. Berlin zahlte nicht. Am 4. September wurden die gestohlenen Daten veröffentlicht. Der Senat spricht von einer äußerst schweren Straftat und lässt nun prüfen, was genau ins Netz gelangt ist. Auch personenbezogene Daten von Beschäftigten, Bürgern und Unternehmen können betroffen sein.

Besonders beruhigend ist, dass die Behörden noch gar nicht vollständig wissen, was ihnen gestohlen wurde. Bereits Tage zuvor erklärte Berlins Chief Digital Officer, eine komplette Übersicht über die abgeflossenen Daten liege nicht vor und werde bis zur angekündigten Veröffentlichung auch nicht vorliegen. Selbst sicherheitsrelevante Informationen über kritische Infrastruktur konnten nicht ausgeschlossen werden.

Damit erreicht staatliche Digitalisierung eine bemerkenswerte Reifestufe. Man sammelt gewaltige Mengen sensibler Daten, vernetzt Verwaltungen und macht immer mehr Lebensbereiche digital abhängig. Wenn jemand dieses System aufbricht und die Beute ins Darknet trägt, verwandelt sich der hochorganisierte Staat plötzlich in einen Zuschauer seines eigenen Kontrollverlusts.

Natürlich ermitteln Landeskriminalamt, Staatsanwaltschaft und Bundesbehörden mit Hochdruck. Das ist notwendig und dürfte hochprofessionell geschehen. Trotzdem bleibt ein unangenehmer Eindruck: Die Täter bestimmen Zeitpunkt, Preis und Veröffentlichung. Die Behörden prüfen anschließend, was passiert ist, und Betroffene sollen Anzeige erstatten, wenn sie ihre Daten irgendwo wiederfinden.

Das Darknet wirkt in solchen Fällen wie ein schwarzes Loch staatlicher Zuständigkeit. Daten verschwinden hinein, Täter kommunizieren von irgendwoher und die öffentliche Hand erklärt anschließend, welche Telefonnummer Betroffene anrufen können.

Vielleicht sollte digitale Souveränität irgendwann mehr bedeuten, als nach einem erfolgreichen Einbruch den eigenen Kontrollverlust in Standhaftigkeit umzudeuten.


Quellen:
▪︎ Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, Aktuelle Lage nach dem IKT-Vorfall im Landesnetz Berlin, 3. September 2026
▪︎ Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, Aktuelle Lage nach Veröffentlichung der gestohlenen Daten, 4. September 2026
▪︎ Tagesschau/rbb, Senat geht nach Cyberangriff von Weiterverkauf gestohlener Daten aus, 1. September 2026